🏁 Der allerletzte Tag

Es ist einer der wenigen Tage meiner Reise, an dem ich von selbst vor dem WeckerlĂ€uten, bzw. von Bernies WachrĂŒttlen munter werde. Der letzte ganze Tag meiner Reise beginnt mit Vorbereitungen fĂŒr morgen: Einchecken und Boardkarten schicken lassen. Danach gibt‘s FrĂŒhstĂŒck bei Sonnenschein, mit kurzen Ärmeln auf dem Balkon des Hotels. Wir sehen ĂŒber die DĂ€cher der Nachbarschaft, doch Arequipa ist von oben nicht so schön anzusehen, als wenn man unten in den Gassen steht.

Deswegen wollen wir runter und raus. In Arequipa gibt es eine Mumie, die Ă€hnlich wie Ötzi vom Eis konserviert wurde. Das Museum, in dem sie ausgestellt ist, ist gleich bei uns um die Ecke. Wir sind einmal mehr von der Lage unseres Hotels begeistert. Im „Museo Santuarios Andios“ mĂŒssen wir diesmal unsere Taschen, RucksĂ€cke und Kameras abgeben. Auch Handys dĂŒrfen nicht mit in die AusstellungsrĂ€ume.

Wir haben das GlĂŒck, dass es wie schon im Kloster zuvor auch fĂŒr diesen Touristenmagnet das Angebot einer deutschsprachigen FĂŒhrung gibt. Wir sind eine kleine Gruppe von acht Personen, zwei davon Kinder mit deutschen Eltern. Zu allererst werden an einer TĂŒr unsere Tickets kontrolliert und gleich in dem Raum dahinter gibt es eine Leinwand mit Beamer, um uns die ersten 20 Minuten zu beschĂ€ftigen. Es gibt eine kurze Dokumentation ĂŒber Juanita und wie sie von der Expedition, unter der Leitung von Johan Reinhard (USA), im Jahr 1995 gefunden wurde.

Die Doku ist schon veraltet und leider US-amerikanisch dramatisiert. Es wird jedoch auch gezeigt, wie die Inkas in ihrer Zeit die religiösen Opfer in ihren Zeremonien darbrachten. In diesem Fall steht Juanita im Mittelpunkt, denn es ist die Geschichte ihrer langen geplanten Hinrichtung, um eine Gottheit wohl zu gesinnen.

Die Kinder, die als Menschenopfer von Priestern im ganzen Inkareich auserwĂ€hlt wurden, waren schöne, junge MĂ€dchen, meist aus reichen Familien. FĂŒr deren Familie war es eine Ehre, dass ihre Tochter schon bald durch das heilige Ritual mit den Göttern eins wird. Auch die Kinder dĂŒrften zu jener Zeit so erzogen, gelehrt und hingetrimmt worden sein, dass sie ihrem Schicksal tapfer gegenĂŒberstanden und den oft jahrelangen Prozess der Vorbereitung kaum mit Widerstand begegneten. Es dauerte oft Jahre, weil die Kinder, egal aus welcher Region des Reiches, zuerst nach Cusco geschickt wurden. In Juanitas Fall musste sie von Puno nach Cusco reisen, wo sie auf ihre Bestimmung vorbereitet wurde und sogar besten Unterricht genoss. Die Inkas wollten ihren Göttern nur das Beste vom Besten bieten.

Das MĂ€dchen unserer Geschichte hatte nicht nur den weiten Weg von ihrer Heimat Puno bis nach Cusco auf sich zu nehmen, sie musste fĂŒr ihre Hinrichtung noch einmal eine lange Reise in die NĂ€he von Arequipa unternehmen, wo sie schließlich am Gipfel eines Vulkanes von den hohen Inka-Priestern unter Einfluss von Alkohol erschlagen und gemeinsam mit Beigaben in ein Grab gesetzt wurde.

Im Museum werden haufenweise Artefakte ausgestellt, die gemeinsam mit Juanita und anderen gefundenen Kinderopfern gefunden wurden. Darunter aufwÀndige Grabbeigaben und teure GewÀnder, die zu dieser Zeit nur von gesellschaftlich gehobenen Familien ihren Kindern mitgegeben werden konnten.

Im letzten Raum wird das MĂ€dchen in einer ĂŒber minus 20 Grad heruntergekĂŒhlten Glasvitrine ausgestellt. Sie sitzt da in derselben Position, wie einst in ihrer RuhestĂ€tte. Ausgetrocknetes, geschrumpftes Gesicht mit gut sichtbaren ZĂ€hnen und dunklen, leeren Augenhöhlen. Sie ist klein. Und ein bisschen gruselig auch, wenn man sie so nahe im dunklen, lichtgeschĂŒtzten Raum sieht.

Hier ein Link zu Fotos, Videos und BeitrÀgen, die sich auf Google finden lassen:

Juanita Mumie

Von der Dunkelheit des Museums gehen wir nach der FĂŒhrung auf die hellen Straßen der Stadt zurĂŒck, um uns gleich anschließend den Markt anzusehen. Die Markthalle ist nicht weit weg, wie uns eine nette Dame an der Kreuzung sagt.

In der Markthalle gibt es Kleidung, Stoffe, Lebensmittel aller Art und natĂŒrlich frischen Fisch und frisches Fleisch. Ich mache beim Durchgehen ein paar Fotos, um die EindrĂŒcke so gut wie möglich zu dokumentieren. Dazusagen muss ich noch, dass der Markt Ă€ußerst gepflegt ist, wenn man ihn direkt mit ZustĂ€nden von Port Louis (Mauritius) oder sĂŒdostasiatischen MĂ€rkten vergleicht.

Da ich morgen heimfliege, werde ich die Chance nutzen und noch geschwind zu einem niedrigpreisigen Friseur hier in Peru gehen. Laut Google Maps befindet sich einer nur wenige Meter in einer Nachbarstraße entfernt. Der Salon ist leer und so komme ich gleich dran. Andi erklĂ€rt dem Peruaner, wie ich die Frisur gerne hĂ€tte. Durch Andis perfektem Spanisch legt der Mann gleich los. Ein bisschen grob ist er schon mit dem Werkzeug, aber jetzt gibt es kein ZurĂŒck mehr. Die ersten BĂŒschel fallen. Erstaunlich ist, dass der vermeintliche Grobian Ă€ußerst viel GefĂŒhl beweist und am Ende doch einen spitzen Job gemacht hat. Eva, Andi und Bernie haben in der Zwischenzeit eine peruanische Version von „Barbara Salesch“ am Fernseher des Frisörsalons geschaut.

Frisch geschoren wie ein Alpaka mache ich mich mit den anderen auf den Weg zum nĂ€chsten Termin. Um 15:00 Uhr beginnt eine gratis Tour durch die Innenstadt. Am Treffpunkt warten bereits einige Personen, die meisten davon in unserem Alter und jĂŒnger.

Der Guide bittet uns zuerst in ein Lokal, dass am Stock des Innenhofs ist. Wir bekommen eine gratis Kostprobe eines Tees serviert, der aus den Schalen der KakaofrĂŒchten zubereitet wird. Nicht so mein Fall, aber interessant. Danach nimmt uns „Joker“ mit auf seine Tour durch das Zentrum und die Geschichte der Stadt.

Er erzĂ€hlt alles so super, dass wir die Zeit richtig genießen können und macht stĂ€ndig SchmĂ€hs, um uns zu unterhalten. Durch die Verbindung der Geschichte mit uns Gruppenteilnehmern wir die Tour zu einem Event. Er sucht sich immer Personen aus der Gruppe und verwickelt sie sogar aktiv in seine ErzĂ€hlungen. Uns natĂŒrlich auch.

In einer Bar endet die Tour, wo wir einen Pisco-Sauer und einen weiteren Gutschein fĂŒr ein zusĂ€tzliches Stamperl Pisco bekommen. Alles gratis. Joker weist uns am Ende der Tour jedoch darauf hin, dass er und seine Kollegen nur durch unsere freie Spende leben können und bittet um eine kleine Aufmerksamkeit unsererseits. Es fĂ€llt uns ĂŒberhaupt nicht schwer, nach der tollen Tour etwas zu geben.

Es ist wieder Zeit, etwas zu essen. Am Plaza de Amas lassen wir uns von einer Kellnerin in ein Restaurant locken, das seine Tische in den oberen Arkaden des schönen Bauwerks hat.

Wir bestellen, essen und verlangen die Rechnung. In der NĂ€he muss ein schwerer Lastwagen fahren, sodass ich leichte Vibrationen bis auf den ersten Stock spĂŒre. Ich denke mir aber in den ersten zehn Sekunden nichts dabei. Nach den nĂ€chsten zehn Sekunden wird es deutlich stĂ€rker und klar, das ist kein Lastwagen, sondern ein Erdbeben! Die Schwingungen und das Wackeln sind ganz klar zu spĂŒren. Noch wĂ€hrend ich das Wort „Erdbeben“ ausspreche, springen wir auf und laufen zum TĂŒrstock des Stiegenhauses. Die Tischnachbarn hinterher. Mit Adrenalin vollgepumpt stehen wir da, als es schon bald wieder aufhört. Die Angestellten bitten uns, uns zu beruhigen. In Peru sind Erdbeben keine Seltenheit – die Einheimischen haben Erfahrung mit solchen Situationen.

Trotzdem wollen wir nicht mehr hier bleiben, schnappen unser Retourgeld und verschwinden. Im Hotel redet Andi die Rezeptionistin darauf an. Sie zeigt uns die Schilder an den WÀnden, die besonders statisch stabile Punkte des GebÀudes markieren. Dort sollen wir im Fall der FÀlle Schutz suchen und warten.

Die Recherche ergibt, dass das Beben sein Epizentrum in Chile hat und mit einer Magnitude von ordentlichen 6,3 auch bei uns in Arequipa spĂŒrbar war.

https://earthquake.usgs.gov/earthquakes/eventpage/us2000cm0f#shakemap

Im Hotel verabschiede ich mich von Andi und Eva. Ich werde sie morgen nicht mehr sehen, da ich ja schon frĂŒher weg muss. Sie fliegen mit Bernie erst am Nachmittag.

Es hat mich wirklich sehr gefreut, dass ihr euch von meiner Reiselust anstecken habt lassen und dass ihr gemeinsam mit Bernie die Vorbereitungen fĂŒr Peru wĂ€hrend meiner Abwesenheit so super organisiert habt. Es hat alles wirklich bis ins kleinste Detail gepasst und es ist schön, dass ihr euch von Peru genau so begeistern habt lassen wie ich mich. Vielen Dank nochmal, dass ihr dabei wart!

Morgen kommt das Taxi um 4:45 Uhr und bringt mich zum Flughafen. Ich muss mich jetzt beeilen, dass ich mit dem Beitrag noch bei Zeiten fertig werde und eventuell noch ein paar Stunden Schlaf mitnehmen kann.

8 Gedanken zu „🏁 Der allerletzte Tag“

  1. Vielen Dank das du so interessant, informativ und unterhaltsam deine bzw eure Reisen geteilt hast! Und auch deine Mitreisenden haben so genial geschrieben! ? Es waren alle Abschnitte ĂŒberaus spannend ??. Ich werde die virtuelle Mitreise-Möglichkeit sehr vermissen ?

    Alles Liebe Kati

    1. Sehr sehr gerne! Ich sag Danke fĂŒr deine vielen Kommentare und lieben Worte! Freut mich, dass die das digitale Mitreisen so gut gefallen hat!! ????

      1. Gibts eine Fortsetzung vielleicht bei einer deiner nĂ€chsten Reisen? Falls mal irgendwann wieder ein Benachrichtigungsmail reinflattert wĂ€r des genial! â˜ș

  2. Hey Pauli!
    Ich werde das Mitlesen auch sehr vermissen – man konnte so schön “abtauchen” in deine Reise.
    Gute Heimreise und bis bald!

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