🌊 Titicaca – der See ruft!

Wir dürfen unser Hauptgepäck im Hotel lassen und brauchen nur das Notwendigste für den heutigen Tag. Der Titicacasee ruft! Leider haben die Wolken den Himmel verdeckt und es ist deswegen kalt auf 3.800 Metern Seehöhe. Das Taxi steht schon vor der Tür und holt uns und andere Leute von den Hotels ab. Wir werden zum Hafen gebracht, wo wir bald auf ein Boot wechseln.

Zuerst müssen wir aber noch geschwind etwas einkaufen. Wir brauchen Wasser und Geschenke. Die Geschenke sind aber nicht für unsere Lieben zuhause, sondern für unsere Gastfamilie, bei der wir die heutige Nacht auf einer Insel am Titicacasee verbringen werden. Süßigkeiten sollen wir keine mitnehmen, da es keinen Zahnarzt oder ähnliche medizinische Versorgung dort gibt. Stattdessen sollen wir Lebensmittel bringen, wie z.B. Nudeln, Reis, etc. …

„Bruno“ ist der Reiseleiter und bringt uns auf unser Boot. 24 Personen zählt „Brunos Happy Group“, die fast alle Plätze am Boot ausfüllt. Während der Fahrt teilt er mit uns sein Wissen über den See.

📐 Eckdaten:

  • 178 km lang
  • 68 km breit
  • 281 m tief
  • 3.800 m Seehöhe

Der See ist mit seinen knappen 4.000 Metern Höhe das höchste schiffbare Gewässer auf unserer Erde. Es gibt ein Volk, das als schwimmende Nomaden auf und von dem See lebt. Sie heißen Uros und wir werden eine kleine Gemeinde in Kürze besuchen. Leider beginnt es auf dem Weg dorthin zu regnen, sodass sich nur ein paar Bilder am Oberdeck des Bootes ausgehen.

Wir werden von den Bewohnern freundlich begrüßt und bekommen Decken, um nicht im Nassen auf den Schilfbündeln sitzen zu müssen. Sie haben auch Planen für uns, mit denen wir den Regen einigermaßen fernhalten können. Vor unserem Halbkreis bekommen wir eine super Erklärung, wie die Inseln entstehen und wie die Menschen hier leben.

Die Uros bauen aus torfähnlichen Blöcken den Untergrund der Insel. Danach werden im Wochentakt Schilflagen überkreuz auf die Blöcke gelegt – bis zu einem Meter dick. Dann kann man als Fundament der winzigen Häuser noch weiter kleine Flächen mit Schilf höher schichten. Die Häuser sind sehr einfach und bieten nur wenigen Personen Platz. Bleiben die Leute an einem Ort, müssen sie die Insel mit Ankern an der Position halten. Sie können die Anker aber auch lichten und mit dem kompletten Dorf weiterziehen.

Das Oberhaupt der vier Familien, die auf dieser Insel leben, demonstriert, wie er mit einem alten Gewehr auf Entenjagd geht. Als er einen Schuss nachmacht, wirft seine Frau eine tote, verdörrte Ente von hinten in die Mitte unseres Halbkreises. Das war lustig, weil wir überhaupt nicht damit gerechnet haben.

Als die Vorstellung vorbei ist, präsentieren die Damen ihre Strick- und Sticksachen, die wir kaufen können. Der „Bürgermeister“ bittet Eva, Bernie, Andi und mich in sein Haus. Zwei andere kommen auch noch mit. Viel zu sehen gibt es im Inneren der Hütte nicht, weil alles so klein und eng ist. Aber Platz für einen Röhrenfernseher hat er, der Kerl!

Wir kraxeln wieder raus und steigen auf ein traditionelles Boot der Uros. Beim Verlassen der Insel bekommen wir ein Ständchen der Mädchen und Frauen. Sie singen Lieder in ihrer Sprache und schließen mit „Vamos a la Playa“ ab. Das Schilfboot wird vom Bürgermeister persönlich mit einem Ruder angetrieben, doch um wirklich weiterzukommen, dockt von hinten seine Frau mit einem Motorboot an, um uns vorwärts zu schieben.

Das Boot legt an einer anderen Insel an, wo wir uns einen Stempel der schwimmenden Gemeinschaft in unsere Reisepässe geben lassen. Danach schnappt uns wieder das große Motor betriebene Boot, mit dem wir zur Insel unserer Gastfamilien fahren. In der Zwischenzeit hat der Regen aufgehört.

Bruno erzählt, dass es keine Haie, Krokodile oder sonstige gefährliche Tiere gibt. Bloß ein besonderes Wesen, das nur zu Vollmond herauskommt. Sein Name ist „Eche-Eche“. Es hat einen Lamakörper, vier Beine und Flügel. Wenn es zu Vollmond den Berg hinauf geht, macht es „Eche, eche, eche, eche, …“. Deswegen heißt es so, wie es heißt. Ob es Erwachsenen oder Kindern etwas tut, hat er nicht gesagt.

Beim Hafen warten schon Mitglieder unserer Gastfamilien. Wir vier werden Alfonso zugeteilt, der uns mit zu seinem Haus nimmt. Es ist ein für diese Verhältnisse sehr schönes Haus. Man betritt den mit niedrigen Steinmauern eingezäunten Garten durch eine kleine Tür. Alfonso leitet uns durch den Innenhof zu einer Treppe, wo wir zu unseren Zimmern hinauf gehen. Eva und Andi haben ein Doppelbett, Bernie und ich – richtig! – zwei einzelne. Die Räume sind sehr niedrig, doch wir können noch darin aufrecht stehen. Eine Glühbirne ist auch nur bei Eva und Andi zu finden. Gut, dass ich meine Taschen- und Stirnlampe noch von Costa Rica im Gepäck habe.

Nach einer halben Stunde gibt es Abendessen. Alfonso und seine Frau Benita kochen für uns in der Küche im Erdgeschoß. Es gibt vier Sessel und einen Tisch, die für uns hergerichtet sind. Der Raum ist auch niedrig und die braun-roten Wände sind mit verschiedenen Postern verziert. Es hängen eine Weltkarte, eine Übersicht der Inka-Herrscher und Bildersammlungen der Säugetiere und Vögel, die in dieser Region leben.

Der erste Gang ist eine Suppe mit Quinoa, Erdäpfel und Gemüse. Dazu gibt es Fladenbrot und Tee. Dann kommt die Hauptspeise: gebratener Käse, ein Stück Maiskolben, rohes Gemüse und drei verschiedene Arten Kartoffeln. Kartoffelarten gibt es in Peru übrigens über 3.000. Das Essen ist für uns OK, schmeckt und reicht.

Der Verdauungsspaziergang wird üppig ausfallen. Bruno möchte mit uns auf den Gipfel der Insel gehen, weswegen der Dorfplatz als Treffpunkt aller Leute unserer Gruppe vereinbart wurde. Wir sind die ersten dort und müssen noch ein bisschen warten. Derweil schauen die Mädls zu, wie Benita einen Faden spinnt.

Als alle beisammen sind, starten wir nach einer kurzen Rede von Bruno durch. Immerhin befinden wir uns auf knapp 4.000 Metern und können daher nicht in gewohnter Geschwindigkeit aufsteigen. Bruno weiß das und baut deswegen zwei Stopps ein, wo wir zusammenwarten. Am Wegrand haben sich Frauen mit handgemachten Produkten niedergelassen und bieten diese zum Verkauf an. Manche haben sogar Bier im Angebot! Sehr sympathisch!

Durch einen steinernen Bogen betreten wir das kleine Gipfelplateau. Bevor alle heroben sind nutzen wir die Chance für ein paar Bilder der grandiosen Aussicht.

In der Mitte des Plateaus gibt es einen quadratisch angelegten Tempel. Hier werden zu bestimmten Tagen spirituelle Feste gefeiert und neben Kokablättern auch Lamaföten geopfert. Obwohl heute kein Fest auf der Agenda steht, können wir entweder drei Kokablätter mit einem Wunsch niederlegen, oder wenn man gerade keine Blätter zur Hand hat, kann man drei Runden gegen den Uhrzeigersinn um die Steinmauer des Tempels laufen, um seinen Wunsch der Erfüllung näher zu bringen. Da Bernie und ich keine Blätter haben, gehen wir die drei Runden.

Bruno erzählt ein bisschen was über sich und seine Familie. Er erklärt Andi und Eva, wie sie die Kokablätter, die sie eben gekauft haben, regelkonform als Opfer darlegen müssen. Bernie bekommt von Andi auch drei Blätter und gibt diese auch symbolisch den Göttern.

Leider ist der Himmel immer noch mit Wolken bedeckt und deswegen kein Sonnenuntergang zu sehen. Doch das macht nichts, weil die Aussicht schön genug war, um den Moment in Erinnerung zu behalten. Wir steigen ab und sollten unsere Gastfamilie am Hauptplatz treffen. Doch wir sind zu früh. Um die halbe Stunde tot zu schlagen, gehen wir in ein Gasthaus, wo es einen Spezialtee gibt. Er beinhaltet Kokablätter, andere Kräuter und das wichtigste: einen Schuss Pisco! Herrlich! Sogar Bernie mag das Heißgetränk mit Alkohol. Für Andi und mich könnte ruhig noch ein Schüsschen mehr Pisco drinnen sein. Wie gut, dass der Wirt die Flasche Pisco auf unseren Tisch stellt, damit wir uns den Tee noch besser „verfeinern“ können.

Als uns Alfonso abholt, ist es bereits dunkel geworden. Wir leuchten uns die engen Wege des Dorfs mit Taschenlampe und Smartphone aus. Rechtzeitig zum Abendessen sitzen wir bei Tisch und lassen uns wieder eine Suppe als Vorspeise servieren. Diesmal schmeckt sie nach Curry und – wie Andis feiner Gaumen herausgefunden hat – nach Kreuzkümmel. Benita hat auch eine sehr würzige Salsa gemacht, die wir gemeinsam mit dem Fladenbrot essen, das auch wieder am Tisch steht. Danach gibt es Spaghetti mit Tomatensauce – sehr authentisch! Aber es schmeckt fein und wir haben eine gute Unterlage für die Party, die heute auf dem Eiland steigt.

Doch einfach so kann man dort nicht erscheinen. Alfonso kommt mit einem Textilbündel daher und legt es auf einen freien Sessel in Raum. Wir müssen zuerst traditionelle Kleidung der Almani anziehen, um dort reinzukommen. Die Damen kommen zuerst dran, sich umzuziehen. Sie bekommen einen Rock und eine weiße Bluse. Um die Hüfte wird ein Textil-Gurt gelegt, der auf Alami „Sasch“ genannt wird (ich weiß leider nicht, wie es korrekt geschrieben wird, deswegen hab ich es jetzt so geschrieben, wie man es sagt). Zuallerletzt bekommen die Mädls noch ein großes Kopftuch. Fertig! Die Damen dürfen schon auf die Fete!

Doch halt! Da fehlen ja noch die Herren der Schöpfung! Wir bekommen keinen Rock, dafür aber einen Poncho und eine Quastenhaube mit Ohrwasch‘l. Das war‘s. Mehr muss sich der Mann nicht antun.

So schnappen Andi und ich unsere Mädls und gehen im Lichtkegel der Lampen und von Alfonso geführt in einen Dorfsaal, wo bereits getanzt wird und eine einheimische Band auf den Bänken steht. Noch schnaufend vom Aufstieg zur Dorfmitte, greift Alfonso unsere Hände und sagt uns, dass wir einen Kreis bilden sollen. Gegen den Uhrzeigersinn tanzen wir zur Flöten-, Gitarren- und Mandolinenmusik der Alamni. Alfonso ist ein richtiger Tanzbär!

Wir brauchen jetzt etwas gegen den Durst. Die Bar ist ein gewöhnlicher Tisch und die simple Kassa ist der Bereich unter dem Tischtuch. Es gibt Cola, Inca-Kola, Wasser und Cusqueña Bier in vernünftigen 660 ml Flaschen. Andi und ich nehmen jeweils eine und teilen mit unseren Begleitungen. Registrierkassenbon haben wir keinen erhalten. Ehe wir‘s uns versehen packt uns jemand von hinten und in Sekundenschnelle sind wir mitten in der Polonaise, die sich durch den ganzen Saal schlängelt.

Nachher machen wir noch Fotos mit unserer Reiseleitung Bruno und unserem Gastpapa Alfonso. Um Zehn ist Schluss – und das ist auch gut so. Es war ein ereignisreicher Tag mit Bergwertung auf über 4.000 Meter. Wir sind zurecht müde und freuen uns schon auf unsere einfachen Zimmer und Betten.

Beim Hinlegen beginnt es plötzlich aus allen Rohren zu regnen. Die Blechdächer verstärken den Wirbel zusätzlich und wir meinen, dass da auch Hagel dabei sein könnte. Mit Ohropax zugestöpselt legen wir uns unter die traditionell besticken Decken. Heute ist kein Vollmond, daher brauchen wir uns von Eche-Eche auch nicht zu fürchten und schlafen schnell ein.

10 Gedanken zu „🌊 Titicaca – der See ruft!“

  1. Es ist immer wieder faszinierend,wie Du uns Einblick in das Leben anderer Kulturen schilderst. Ihr schaut super in den traditionellen Gewändern aus ???

    1. Danke, Tante Lisi! Mir war‘s dann ganz schön heiß in dem Gwandl, wie man meinen roten Backerln ansieht ? war aber so super, das von dem Einheimischen geborgt zu bekommen .. und ich hatte schon Angst, dass mir damit zu kalt wird ?

  2. Ein herzliches Hallo nach Peru!
    Es gefällt mir sehr zu lesen,was ihr da so erlebt..! Schön, dass wir in so weiter Entfernung auch teilhaben können. Danke 😉
    Besonders amüsiert haben mich heute der peruanische Basilisk “Eche-Eche” 🙂 und die erlegte Fake-Ente !
    Scheint ein lustiges Völkchen zu sein…!
    Viel Spaß euch noch – i geh am Wochenend’ schifoan… 😀
    Liebe Grüße Tommi

    1. Servas Tommi!
      Lustig sind die Peruaner auf jeden Fall! Wenn dann noch das Englisch mit dem Akzent dazukommt, is es noch lustiger. Hat einen eigenen Charme.
      Ich wünsch dir viel Spaß beim Schi fahren!! Wohin gehts??

  3. Hallo ihr peruanischen Partytiger!

    Danke für die vielen Geographielehrstunden Dank des Blogs! SEHR FARBENFROH UND LEBENSFROH DIE PERUANISCHE TRACHT, STEHT EUCH AUSGEZEICHNET.

    LIEBE GRÜßE Petra Alexandra

  4. “Registrierkassenbon haben wir keinen erhalten!” – Genial! ;D

    Es ist schon bemerkenswert, welche “Merkwürdigkeiten” einem auf Reisen auffallen. Ich finde das bringt einen oft dazu, das gesellschaftliche System in dem wir leben und vor allem auch die eigenen Prioritäten zu überdenken!

    lg, werschi

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