Der Tag beginnt für mich noch früher als in den zwei Wochen Schildkrötencamp. Ich stehe um 03:40 Uhr auf, da mein Bus schon um 04:30 Uhr in Samara abfährt. Weil ich schon am Abend alles eingepackt hatte, hat mir Nick sein Ladekabel geborgt. Ich hänge in der Früh‘ mein Handy ab und stecke seines an. Er schläft währenddessen gut und verabschiedet haben wir uns gestern schon.

Ich schnappe meinen Rucksack und verlasse in Dunkelheit das Hostel. Den Schlüssel schmeisse ich in den Postkasten. Noch verschlafen spaziere ich die Straße entlang zur Bushaltestelle, bei der ich bei meiner Anreise ausgestiegen bin. Ein paar Leute warten schon. Um 04:29 Uhr trifft der Bus ein. Extrem überpünktlich, wie ich nach mehr als zwei Wochen Costa Rica finde. Ich nehme neben einer älteren Dame Platz und behalte meinen Rucksack bei mir, zwischen den Beinen. Es dauert eh nicht lange, bis ich wegkippe und drei Stunden schlafe. Ich würde mir wünschen, dass mir das auch einmal im Flieger passieren würde.
Erstaunlicherweise stehen auch ein paar Passagiere. Erstaunlich deswegen, weil die Fahrt fünf Stunden dauert. Ich finde auch Zeit, den vorigen Beitrag fertig zu schreiben inklusive Fotos hochzuladen. Da ich noch einiges an Guthaben auf meiner Wertkarten-SIM habe, mach‘ ich das über’s Handynetz. Nach vier Stunden machen wir einen kurzen Stopp, der wirklich nur 15 Minuten dauert. Dann setze ich mich wieder zur Oma in den Bus. Auch sie konnte während der Fahrt ein bisschen Schlaf finden. Ich glaube sie musste lachen, als ich das Affenfoto vom vorigen Beitrag eingefügt habe.
Der Bus hält. Die beiden Kanadier, mit denen ich kurz während der Pause getratscht habe, stehen auf. Ich frage sie, ob das die Flughafenhaltestelle ist. Sie und der Chauffeur, der mitgehört hat, meinen „Ja!“. Na gut, wenn das so ist, steig‘ ich auch aus. Der Eingang zum „Aeropuerto“ ist gleich um‘s Eck. Hier werde ich nun einige Stunden warten müssen, da mein Flug erst um viertel sechs geht. Es hätte noch einen späteren Bus von Samara nach San José gegeben, doch dann wäre alles viel zu knapp geworden. So telefoniere ich mit meinen Eltern, mit Sörs und Tommy und hole mir auch was zu essen. Vom Balkon meines Platzes aus sehe ich die ewig langen Menschenschlangen, die vor dem Security Check stehen. Ich bin froh, früher hier zu sein, denn mit dem anderen Bus hätte das sicher nicht geklappt. Ein paar Stunden noch durchbeissen und still beschäftigen, dann treffe ich das Geburtstagskind Eva, ihren Andi und meine Bernie.

Nun zu meinem Resümee:
Ich war im Vorhinein sehr eingeschüchtert, was die Reise nach Costa Rica betrifft. Mir wurde geraten, ich solle die Haltestellen nicht verlassen, den Busbahnhof sowieso nicht, im Bus auf meine Sachen besonders zu achten usw. … Ich war also auf sehr unsichere Umgebungen eingestellt. Ich bin mir absolut sicher, dass die Warnungen nur gut gemeint waren.
Hinterher muss ich sagen, sind die Ticos doch sehr freundlich, offen und entspannt. Manchmal sind sie mir sogar zu entspannt. Ich kam aus dem geordnet und geregelten Tokyo in die „Pura Vida“-Wurschtigkeitszone Mittelamerikas. „Pura Vida“ ist eine Lebenseinstellung, ein Leitspruch der stressbefreiten Ticos, das auch gerne als Begrüßung, Verabschiedung oder Bestätigung im täglichen Sprachgebrauch verwendet wird. Costa Rica ist ein Land voller unglaublich schöner und vielfältiger Natur, von der ich leider nur einen winzigen Bruchteil sehen konnte. Eine Reise ist das Land jedenfalls wert, sofern ich das mit meinem Mini-Einblick bewerten darf. Man muss sich aber darauf einstellen, dass das Leben nicht billiger als bei uns ist. Es sei denn, man ernährt sich wirklich ausschließlich von Reis und Bohnen.

Was nehme ich aus Costa Rica mit?
Es ist das einzige Land, aus dem ich für mich weniger mitnehme, als ich dagelassen habe. Die extreme Gelassenheit und die Unpünktlichkeit sind definitiv nichts, was ich mir in Zukunft aneignen möchte. Was ich aber als positive Erfahrung empfand und deshalb selbst umsetzten möchte, ist das offene und freundliche Zugehen auf Fremde. Ich durfte mich selbst, dank dieser Eigenschaft der Ticos, stets gut aufgehoben fühlen. Es würde auch einigen österreichischen Politikern und deren Anhängern nicht schaden, einmal diese Erfahrung zu machen und sich selbst als Ausländer in einem ferneren Land zu fühlen. Es macht einen großen Unterschied, ob dir jemand offen und freundlich oder verschlossen und abwertend begegnet. Wie man in den Wald hinein schreit, …
Ich bin, wie schon erwähnt, in dieses Land gekommen, um etwas hierzulassen. Und damit meine ich nicht nur den Sessel 😃. Ich meine meinen Beitrag zum Naturschutz und die Mithilfe, eine von uns Menschen bedrohte Art vor der möglichen Ausrottung zu bewahren. Als Taucher durfte ich nur zwei Wochen vor meiner Costa Rica Reise eine wunderbare Erfahrung machen, als ich unterwasser hautnah mit der ein oder anderen Schildkröte tauchen konnte. Diese Momente bestätigten meinen Entschluss, ins Schildkrötencamp zu gehen, anstatt die zwei Wochen mit dem Auto durchs Land zu reisen. Natürlich wäre das ursprüngliche Vorhaben sensationell gewesen, doch das kann ich vielleicht in ein paar Jahren noch machen.
Ich bewundere die Leute, die nicht nur zwei Wochen, sondern oft ein Jahr oder gar ihr ganzes Leben einem solchen Projekt widmen. Ihnen gilt mein größter Respekt, denn das Leben im Camp ist nicht so easy und lässig, wie man sich vielleicht ein Leben am Strand vorstellt. Es ist mehr wie das einfache, prunklose und minimalistische Leben auf einer Almhütte, mit täglicher Arbeit und unregelmäßigem Tagesablauf inklusive Schichtbetrieb verbunden. Ja, es ist schön! Und ja, es war auch hart. Ich bin sehr froh, das durchgezogen zu haben und werde mich sicher gerne an die Zeit mit den tollen Kollegen im Camp zurückerinnern.
¡PURA VIDA!


Hallo Pauli,freue mich sehr über Deine Sachen die Du gemacht hast nur so weiter LG.???
Hallöchen Pauli,
ich finde das “Schildkröten Naturschutz-Arbeitscamp” echt bewundernswert.
……so viel Gelassenheit wie du sie beschreibst, kenn ich nur aus Griechenland….aber ich war ja noch nie in Süd- oder Mittelamerika…also kann ich nicht mitreden. 🙂
GUTE UND SICHERE WEITERREISE!
Hi Bauz
und doch ist dir gelungen etwas mitzunehmen und nicht nur etwas dortzulassen. Ich bewundere deine Reife und Fähigkeit hinter das Offensichtliche zu blicken und dir deinen Reim darauf zu machen. Bin auch sehr stolz auf deine Fähigkeit zu Geben ohne dafür zu verlangen.
Insofern hast du sehr viel mitgenommen.
Alles Liebe bei den „Imkas“ ?
Mit dreißig darf man schon reifen. :)) Danke Papa!
Hey Pauli! Bin grad dabei die Blogeinträge nachzulesen, weil mir ein bisschen die Zeit gefehlt hat.
Ich bin wirklich gerührt und begeistert von deiner Arbeit im Camp! ? davor hab ich großen Respekt. Diese Erfahrung macht nicht Jeder, da kannst du wirklich stolz sein! ?