🐢 Tschüss, ihr Kröten!

In der Nacht zieht ein so starker Sturm auf, dass wir kaum ein Auge zumachen. Der Wind fegt durch das Camp und lässt einige Gegenstände herumfliegen und umfallen. Unser Schlafbereich ist offen und deswegen geschieht hier oben genau dasselbe. Die Wellbleche, die das Dach der Hütte bilden, scheppern so stark, als würden sie jeden Moment abheben und uns einen open air Schlafraum bescheren. Fenster haben wir ja jetzt schon keine.

Es wird bis in die frühen Morgenstunden nicht besser. Mati, Lottie und ich konnten keine 30 Minuten durchschlafen. Das ist jedem von uns beim Kaffee trinken ins Gesicht geschrieben. Mati trifft den Nagel auf den Kopf, als er meint: „Wir werden heute sehr viel Kaffee brauchen.“ Im Camp liegen verschiedenste Gegenstände, wo sie eigentlich nicht hingehören. Sogar Dokumente sind in den Duschkabinen zu finden und in den Ecken haben sich große Blätterhaufen gebildet, gemischt mit Bechern und anderen Dingen.

Weder die Müdigkeit, noch der starke Wind können uns die heutige Arbeit ersparen – nur erschweren. Wir schleppen wieder Sandsäcke, als plötzlich Daniel zu uns kommt und uns hilft. Er lässt sich den Nylonsack ordentlich anfüllen und wuchtet den Monsterbeutel auf seine Schulter. Es geht äußerst schnell, wenn ein Dritter dabei ist und auch noch so heftig anpackt. Er trägt sicher zehn oder mehr Schaufeln. Das sind zehn oder mehr, als Roy getragen hat.

Pünktlich um 08:00 Uhr sind wir fertig, fix und fertig. Daniel hat zuvor abgebrochen, weil er Frühstück kochen muss. Was serviert wird, muss ich wohl nicht mehr erwähnen. Donnerstag ist der inoffizielle Ausgangstag. Wir dürfen wieder für ein paar Stunden nach Samara. Selbes Lokal, wieder ein Bier. Ich bestehe darauf, dass wir in das Restaurant gehen, in dem ich an meinem ersten Abend in Samara war. Am Weg dorthin liegt ein Baustoff- und Werkzeuggeschäft. Es ist meine letzte Chance, eine Schnur zu kaufen, um meinen Sessel fertig zu bauen. Ich bin froh, dass Mati mit dabei ist, denn er kann dem Verkäufer genau sagen, was ich brauche. Froh bin ich auch darüber, dass er so etwas lagernd hat.

Jetzt können wir zum Restaurant weiter gehen. Die traurige Überraschung ist, dass es heute geschlossen hat. Wir müssen umkehren und in ein anderes Lokal gehen. Die Pizza dort ist auch gut, aber nicht in der selben Liga, wie die im anderen Restaurant. Alles schaffe ich nicht. Deswegen lasse ich mir die übrigen drei Stück einpacken, um sie später im Camp zu essen.

Man muss sagen, dass Daniel viel mehr Herzblut ins Kochen steckt, als es Roy getan hat. Die Speisen werden aufwändiger und auch mehr Kochgeschirr wird verwendet, was wir beim Abwaschen nachher merken. Am Abend liege ich in der Hängematte und Mati neben mir in seiner. Wir haben uns wie so oft schon die Kopfhörer geteilt, als Bilderbuch zu spielen beginnt. Mati gefällt die Musik.

Schön langsam sollte ich ins Bett gehen. Im Camp kann man nur noch mit Stirnlampe herumgehen, weil schon alles stockfinster ist und nicht mal der Mond ordentlich durch die Wolkendecke durchleuchten kann. Ich kraxle die steile Leiter zu den Schlafräumen nach oben und möchte mich in mein Bett legen. Da macht es einen lauten Kracher und ich falle samt Matratze 20 cm tiefer. Von unten fragen die Stimmen, ob alles OK ist. Mit mir ist alles gut, aber das Bett ist kaputt. Die Auflage der Querbretter ist durchgebrochen und deswegen nicht sofort zu reparieren. Das bedeutet, dass ich auf ein anderes Bett ausweichen muss. Ich nehme gleich das vis-a-vis, in dem Chloe geschlafen hat. So mühsam habe ich das komplette Bett mit Moskitonetz eingewickelt … hier drüben habe ich gar keines. Doch diese Nacht wird wieder extrem windig, was die Mückenangriffe in Grenzen hält.

Schlafen konnte ich trotzdem kaum und wache sehr oft nachts auf. Wieder einmal unausgeschlafen treten wir die heutige Tagesaufgabe an: Nester examinieren. Auch bei dieser Arbeit hilft Daniel mit. Er macht sich genau so schmutzig, wie wir auch. Da wir zu viert sind, sind wir mit der Arbeit schneller fertig. Bevor es aber Frühstück gibt, sollen wir eine für heute bestellte Gemüselieferung vom Fluss abholen. Hier spaziert Daniel auch mit. Das Camp ist in der nächsten Stunde nur von den beiden Hunden Safira und Dom besetzt.

Der Gemüsehändler lässt diesmal länger auf sich warten. Daniel wird auch schon grantig, da er noch vorher extra mit ihm telefoniert hat, um zu erfahren, wann er dort sein wird. Dürfte sich wohl grob verschätzt haben.

Im Camp zaubert dann Daniel ein echt lässiges Frühstück. Er macht eine Eierspeis‘ und dazu gibts selbstgemachte Chips. Die hat er tatsächlich frisch frittiert und serviert sie uns am Teller dazu. Echt gelungen!

Zwischen den Schichten komme ich dazu, am Sessel weiter zu bauen. Ich habe in der Zwischenzeit wieder alles, bis auf die Sitzfläche, zerlegt und mich entschieden, keinen Klappstuhl, sondern einen normalen Sessel zu bauen. Ich komme eigentlich recht flott voran. Die Beine sind nach eineinhalb Stunden mit der Sitzfläche verbunden und meine Finger schmerzen vom Zusammenschnüren der Hölzer. Ich möchte nämlich keine Nägel verwenden, sondern alles zusammenbinden. Leider ist das alles nicht so stabil, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich beschließe, noch ein paar Streben einzubauen.

Das Abendessen unterbricht meine Arbeit und ich lasse es für heute gut sein. Der Wind frischt wieder auf und es sieht danach aus, als würde es diese Nacht wieder stürmen. Das bedeutet, es wird nicht viel Schlaf für uns Campbewoher geben. Ich lege mich heute früher nieder, da ich für morgen die letzte Schicht, von 03:00 bis 06:00 Uhr ausgefasst habe. Wie man sich vorstellen kann, ist diese Schicht nicht gerade beliebt. Eigentlich ist alles, was man nach 21:00 Uhr bekommt nicht mehr so prickelnd. Das blödeste an diesen Schichten ist das Alleinsein. Natürlich ist es angenehm, wenn man einmal eine Stunde Ruhe hat, aber drei sind schon sehr zach.

Ich habe mir einen Audiotrainer für Spanisch heruntergeladen und vertreibe mir die Zeit, abgesehen von Babies freilassen, mit der Fremdsprache. Dass diese Aufnahmen schon älter sein müssen, verrät die Phrase „Ich suche einen Dia-Film.“ Liebe Langenscheits, da muss was unternommen werden.

Wie befürchtet war die Nacht sehr windig. Um halb sechs wachen meine Kollegen auf und Mati kocht Kaffee. Alle hängen ordentlich daher. Der Wind ist manchmal sogar so stark, dass unser Schlafraum, der über dem Camp auf Stelzen steht, wackelt. Es ist mein letzter Tag im Camp und Mati hat für heute Sandsäcke schleppen auf der Tagesordnung. Ein letztes Mal noch zwei Löcher ausheben, frischen Sand vom Strand holen und damit alles zuschütten. Ich bitte Mati, ein letztes Mal noch Sand in meinen Nylonsack zu schaufeln – er schmunzelt und nimmt die Schaufeln deswegen nicht weniger voll. Geschafft!

Nach dem Frühstück muss die Hausarbeit erledigt werden. Für mich heißt das Schlafräume zusammenkehren, Klo und Duschen putzen und das Geschirr vom Frühstück abwaschen. Danach muss ich die Chance nutzen und meinen Sessel finalisieren. Es fehlen noch ein paar Handgriffe, um ihn noch stabiler zu machen und zu verstärken. Deswegen schwärme ich am Strand aus, um noch ein paar passende Stücke Treibholz zu holen. Der Sand ist mittlerweile so heiß, dass es sau weh tut, wenn er zwischen meine Flip-Flops und Füße gerät. Ich finde ein paar passende Hölzer, die ich gleich mitnehme. Mit der Schnur binde ich die Äste als Verstrebungen an die bestehende Struktur. Nun einmal Probesitzen. Naja, wackelt noch ein wenig. Vielleicht noch hier ein bisschen mit der Schnur spannen und da noch besser verzurren. Ich muss nun nur noch die Lehne verbessern und dann bin ich tatsächlich mit dem Sessel nahezu fertig.

Zwischendurch gibt‘s aber Mittagessen. Daniel frittiert unheimlich viel, was mir sehr gut gefällt. Ich habs eh schon erwähnt, aber muss es nochmal sagen: seine Küche ist ein großer Unterschied zu Roys – im positiven Sinn.

Lottie meint, dass wir noch surfen gehen sollten, womit sie absolut Recht hat. So packen wir die Boards und treffen uns im Wasser. Lottie erwischt die Wellen deutlich besser als ich. Wahrscheinlich bin ich zu weit draußen. Momentan haben wir Flut und deswegen brechen sie erst relativ knapp vor dem Strand. In der Stunde draußen am Wasser, erwische ich maximal vier Wellen. Das liegt nicht nur an mir. Es gab einfach nicht so viele. Muss aber trotzdem sagen, dass ich mich heute einfach nicht so geschickt angestellt habe. Nach der Session spüle ich die Bretter mit Süßwasser und lege sie zurück zu Roys Hütte.

Der Nachmittag vergeht dank eines kleinen Schläfchens recht schnell. Ich muss nun aber zusehen, dass ich den Sessel fertig bekomm‘. Schließlich habe ich gesagt, dass ich einen bauen werde. Und wenn ich sage, ich werde einen bauen, dann mach ich das verdammt noch einmal auch. Die Lehne ist rasch umgebaut und gleicht nun auch eine leichte Schräglage der Lehnenstützen aus. Er ist fertig!! Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich wäre nicht stolz! Ich trage ihn nach vorne, zu unserem Hängemattenplatz. Der Sessel bekommt seinen Platz genau in der Mitte der Überdachung. Pünktlich zum Sonnenuntergang kann ich mich das erste Mal ordentlich in den Sattel schwingen. Er ist erstaunlich gemütlich. Alle müssen einmal probieren. Daniel meint: „Super, jetzt bau noch drei!“ 😂 Ein ganzes Set mit Tisch werde ich nicht mehr schaffen. Ich lasse dafür meine Hängematte da, das muss reichen.

Vorhin haben sich die Zeiten der Schichten von drei auf vier Stunden verlängert. Ganz schön kacke, mit dem Wind und kaum Mondlicht. Der Freund versteckt sich heute nämlich hinter den Wolken, was der Taschenlampe mehr Arbeit abverlangt. In der Hängematte kann ich kaum rasten. Der Wind ist so unangenehm – richtig kalt ist es! Ich versuche mich auf die Bank in der Küche zu legen, doch so richtig kann ich da auch keine Ruhe finden. Safira kommt ständig vorbei und ist streichelbedürftig.

Einige Babies schlüpfen in meiner Schicht. Sie füllen drei Schichten des Kübels. Als ich sie freilasse, mache ich noch ein Foto von den letzten Schildkrötenkids, die ich persönlich in die Freiheit entlasse. Ich dachte ein paar Tage zuvor, es würde ein besonderer Moment werden, aber in Wirklichkeit wäre ich froh, wenn nun auch die letzten Trödler endlich ihre kleinen Flossen bewegen würden, dass ich nach knapp fünf Stunden Schicht endlich ins Bett kann.

Es ist wohl die windigste Nacht, die wir in den letzten vier Tagen hatten. Teilweise habe ich das Gefühl, dass ich mich ducken muss, weil höchstwahrscheinlich etwas durch den Schlafraum geflogen kommt. Es scheppert unglaublich laut, das ganze Stelzenhaus wackelt und nur mit meinem Schlafsackinlet ist es viel zu kalt. Es ist wahrlich die ungemütlichste Nacht, die ich im Camp verbracht habe.

Dementsprechend erledigt bin ich auch am Morgen. Zum Glück ist heute Sonntag. Das bedeutet, dass heute frei ist! Aufgestanden wird um sieben. Dann Zähne putzen und Fotos bei ordentlichem Licht von meinem Sessel machen. Die Fotos von weiter oben im Beitrag habe ich erst jetzt gerade gemacht, weil abends kaum Licht zur Verfügung stand.

Daniel zaubert heute Pancakes, die unglaublich fluffig sind. Ich kann leider nur eineinhalb Stück davon essen, danach bin ich voll. Ich muss aufgeben – ewig schade!

Lottie, Mati und ich machen uns fertig, um nach Samara zu gehen. Ich verabschiede mich von Daniel und den beiden Hunden. Wir gehen den Strand entlang zum Fluss. Noch denken wir uns nichts dabei, dass ein paar Leute auf einem Fleck stehen und in dieselbe Richtung starren. Als wir näher kommen, gibt‘s eine ordentliche Überraschung! Eine Schildkröte ist an Land gekommen, um ihre Eier zu legen. Sie sucht gerade nach einem geeigneten Plätzchen, um das Nest zu graben. Mati hat inzwischen das Telefon in der Hand und ruft Daniel an, der in ein paar Minuten mit Handschuh und Plastiksackerl da ist. Der Plan ist der, die Eier aus dem Nest zu nehmen und zum Camp zu bringen.

Wir warten gemeinsam mit den anderen Passanten, bis die Schildkröte beginnt, die Eier zu legen. Dabei schauen wir inzwischen aus ein paar Metern Distanz zu, wie sie ihr Nest mit den Hinterflossen gräbt. Sie stellt sich sehr geschickt an und bei Tageslicht lässt sich auch erkennen, wie beweglich die Spitzen der Flossen sind. Sie kann sie zu Schaufeln formen, um den Sand besser ausheben zu können.

Ihr Nest ist fertig und sie beginnt, in Trance zu fallen, um die Eier zu legen. Daniel gibt Lottie den Handschuh. Sie hat die ehrenvolle Aufgabe, die Eier zu sammeln und in das Sackerl zu legen. Weil sie in Trance ist, können wir sehr nahe an sie heran gehen und Fotos machen. Lottie zählt 97 Eier! Das ist ordentlicher Durchschnitt für eine Olive Ridley. Dieser Moment war ein wunderbares Abschiedsgeschenk an mich. Es kommt so gut wie gar nicht vor, dass sie am helllichten Tag an den Strand kommen. Ein unglaublicher Zufall! So lässt sich meine Zeit im Camp gebührend abschließen.

Dann geht‘s nach Samara, um mein Busticket für Dienstag zu kaufen und uns wieder gemütlich in die Strandbar zu setzen. Ich bin froh, so nette Zeitgenossen während meiner Freiwilligenarbeit im Buena Vista Camp gehabt zu haben. Lottie, Mati, aber auch Chloe sind sehr liebe Leute, über die ich froh bin, sie kennengelernt zu haben.

13 Gedanken zu „🐢 Tschüss, ihr Kröten!“

  1. Hallo Bub!
    Ich bin immens begeistert von deinem Sessel- Hut ab- er ist dir hervorragend gelungen! Das Design ist äußerst ansprechend.??Bei diesem starken Sturm war es sicher nicht leicht im und mit dem Sand zu arbeiten, vom Schlaffinden gar nicht zu reden. Genieße noch die letzten Stunden in den warmen Gefilden! Wir zu Hause zählen in der Zwischenzeit schon die Tage bis zu deiner Heimkehr!! (hiaz dauaz schu laung!!!)
    ? Mama

    1. Danke dir! Hat sich ausgezahlt, dass ich ihn nochmal zerlegt habe. Die Erstversion war nicht zu gebrauchen. Aber jetzt passts super! Schade, das ich ihn nicht mit nachhause nehmen kann. So bleibt hald etwas von mir in Costa Rica ???‍♂️

  2. Hey Pauli,
    wahnsinn wie schnell die Zeit vergeht! Schon wieder eine Etappe fast zu Ende. Bitte sag dann wieviele Schildkrötenbabies du gesamt retten konntest, sicher eine beachtliche Summe. Danke für deine interessanten Berichte und die wunderschönen Fotos zu den Schildkröten. Der Sessel schaut spitze aus und ich wünsch dir noch eine schöne restl. Zeit und eine gute Weiterreise.
    lg Kati

    1. Guten Morgen Kati! Ja die Zeit rennt wahnsinnig schnell dahin. Kaum das erste Schildkrötenbaby live gesehen, muss ich mich von den beiden Kollegen im Camp wieder verabachieden. Die Gesamtzahl weiß ich leider nicht. Aber wenn ich mit durschntl. 80/Tag rechne, das mal 17 Tage, dann komme ich auf 1.360 Babies.
      lg

  3. Hallo Pauli, toll, was Du und Deine ,Kollegen’ da leistet, Ihr seid zu bewundern! Dein Bericht war spannend wie immer. Traude und Erich sind gerade bei mir und haben mit offenem Mund gelauscht, als ich vorgelesen habe. Wir sind alle Fans von Deinem Sessel – er ist der Überhit! Liebe Grüße und gute Weiterreise ??

    1. Danke dir!!! Ja, die Zeit hier vergess ich nicht so schnell ;)) Zuhause kann ich einen Sessel aus dem Treibholz vom Stooberbach bauen ???

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