💪🏼 Ich, Hausmann und Hebamme

Der Tag im Camp beginnt früh, weil wir anstrengende Arbeiten nur in den kühlen Morgenstunden machen können. Um halb sechs treffen wir uns herunten und trinken erst einmal einen Kaffee. Der wird durch einen Textilbeutel gefiltert. Vielleicht war das mal eine Socke – wer weiß. Ich find‘s lustig und der Kaffee schmeckt gut. Mathias sagt, dass wir heute ein künstliches Nest ausheben und für weitere Eiablagen gewappnet zu sein.

Dazu schnappen wir uns eine Schaufel und Säcke aus Nylongewebe. In der zweiten Brutstätte, die gleich neben der ersten liegt, sind die Felder im Raster mit einem Holzstock gekennzeichnet, die eine Erneuerung brauchen. Es muss ungefähr ein ein Meter breites und ein Meter tiefes Loch ausgehoben werden. Den alten Sand bringen wir in den Säcken zum Abhang, der zum Strand abfällt. Obwohl die Arbeit anstrengend ist, greift Chloe beim Schleppen der Säcke ordentlich mit an. Mathias gräbt das Loch und ich schleppe auch wie Chloe die Säcke.

Nachdem das Loch groß genug ist, müssen wir es mit frischem Sand vom Strand auffüllen. Dies geschieht aus dem Grund, weil im Sand Reste eines alten Nests sein können und außerdem sind im Sand keine Nährstoffe mehr enthalten, die in natürlichen Nestern, die die Schildkröten direkt am Strand graben, automatisch vom Meerwasser nachgeschwemmt werden. Es ist ein recht weiter Weg vom Strand bis zur Brutstätte, deswegen geht sich mit drei arbeitenden Personen nur ein Nest an einem Morgen aus. In der Hochsaison schafft man bis zu fünf, aber da sind viel mehr Freiwillige am Werk. Momentan gibts nur Chloe und mich.

Nach der Arbeit gibt es Frühstück. Carolina hat Reis mit Bohnen und Eierspeis gekocht. Die Verpflegung ist objektiv betrachtet super, weil es drei Mal am Tag etwas warmes auf den Teller gibt. Subjektiv betrachtet muss ich sagen, dass es mir bisher auch immer ganz gut geschmeckt hat. Für die technisch einfachen Küchenbedingungen passt es ganz gut. Danach beginnen die Schichten. Diese sind heute folgendermaßen eingeteilt, wobei die Zeiten täglich gleich bleiben und die Personen im Rad weiterrücken:

06:00 – 08:00 Allgemeine To-Do‘s wie z.B. Nester herrichten

08:00 – 10:00 Carolina

10:00 – 12:00 Mathias

12:00 – 14:00 Chloe

14:00 – 16:00 Paul

16:00 – 18:00 Mathias

18:00 – 21:00 Chloe

21:00 – 00:00 Paul

00:00 – 03:00 Roy

03:00 – 06:00 Mathias

In den Schichten beobachten wir im 15 Minuten Rhythmus die Nester und wenn sich etwas tut, beginnt der Prozess des Freilassens. Ihr seht, die Nester werden rund um die Uhr bewacht und beobachtet. Dazu zu sagen ist noch, dass in der Zeit, in der früh morgens gearbeitet wird, einfach jemand, der gerade in der Nähe ist, zu den Nestern hinschaut.

Der Vormittag und Mittag ist es recht ruhig bei den Schildkröten. In der Nacht hatte Chloe über 60 Babies, jetzt am Vormittag waren es gesamt nur 15 Stück. Am Nachmittag gehen wir unseren täglichen Haushaltspflichten nach. Ich wurde heute zum Boden rechen eingeteilt. Weil der Boden nur an wenigen Stellen betoniert ist, und sonst nur aus Sand und Kiesel besteht, schaut das Säubern eben so aus. Sonst passiert eigentlich nicht viel. Deswegen lege ich mich am späten Nachmittag schlafen, um bei meiner Schicht von neun bis Mitternacht fit zu sein.

Als ich munter werde und nach unten gehe, staune ich nicht schlecht. Chloe hatte in ihrer Schicht zuvor 84 Babies auf einmal aus dem Nest geholt. Wow! Das ist eine ganze Menge. Ein bisschen neidisch bin ich da schon.

Ich bin eine viertel Stunde früher dran, schicke Chloe aber trotzdem ins Bett. Bewaffnet mit Stirn- und Taschenlampe, gehe ich gemütlich zu den Nestern. Das Schildkrötenbaby-Bingo ist eröffnet! „46 in B11, B elf!“ Das fängt ja gut an! Und weiter geht es auch ordentlich in anderen Nestern mit 22, 13, 47 und sieben Stück. Während ich die 47 Stück freilasse, steht eine zehnköpfige, kalifornische Familie samt Kinder neben und hinter mir. Sie wissen, dass an diesem Strand nachts die Schildkröten kommen und sind deswegen hier unterwegs. „Bitte nur schauen, nicht angreifen!“, sage ich, aber sie sind eh sehr brav und vor allem interessiert. Fragen über Fragen stellen sie mir und ich bin erstaunt, dass ich schon ein bisschen was erzählen kann. Nach der Fragestunde muss ich ihnen aber beichten, dass ich erst den zweiten Tag hier bin. Dabei muss ich selber lachen. Da ich mich leider beim Herausnehmen aus dem Nest verzählt habe, gibts gleich eine Aufgabe für die Schaulustigen. „Bitte alle mitzählen!“ – sie gehorchen und zählen mit mir gemeinsam die Jungen, die ich nach der Reihe aus dem Kübel hole und auf den feuchten Sand setze.

So gehe ich wieder zurück ins Camp und trage die korrekte Anzahl auf der Tabelle am Whiteboard ein. Jetzt muss ich aber schnell wieder nach oben schauen, da das Rauszählen etwas länger gedauert hat. Nun hat das Baby-Bingo im Feld H9 zugeschlagen. Mich trifft fast der Schlag – das Gehege ist bumm-voll. Bei Hinschauen denke ich mir, die 84 von Chloe sollten schaffbar sein. Ich öffne das Netz und beginne die Kleinen beim Herausheben zu zählen. Bei 80 tut mir schon der Arm weh und es ist vollkommen klar, dass die Gesamtmenge jenseits Chloes 84 liegen wird. Unglaublich, aber in meiner zweiten Nacht der Nebensaison zähle ich in diesem einzigen Nest 103 Sprösslinge. Mit diesem Highlight kann ich die Schicht an Roy übergeben, der ab jetzt die Verantwortung übernimmt.

Die Ablöse gibt mir die Möglichkeit, zu versuchen den Sternenhimmel zu fotografieren. Nachdem der Mond hinter den Klippen nördlich des Strandes verschwunden ist, kann man plötzlich die Sterne sehr klar sehen. Es sind auch einige mehr sichtbar. In der Umgebung gibt es keine Lichtverschmutzung von Straßenbeleuchtungen, Hochhäusern oder Autoscheinwerfern, was die Sicht auf den Sternenhimmel um einen hohen Faktor verbessert bzw. erst möglich macht. Selbst die Milchstraße ist klar erkennbar. Sie scheint so knapp vor mir zu liegen, wie die Bahnstrecke vor dem Apartment der Blues Brothers. Ich drücke zwei oder drei mal ab und gehe dann schlafen.

Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass innerhalb der letzten 24 Stunden über 500 Schildkrötenbabies zum Strand gebracht wurden. Es war wirklich eine Nacht, in der jeder gut zu tun hatte. Heute ist wieder Loch graben und zuschütten angesagt. Wir sind so wie gestern schon früh am Werken, weil es uns später nach vier Handgriffen umhauen würde. Heute fällt es mir ein bisschen schwerer; ich weiß nicht woran es liegt. Aber die Arbeit wird trotzdem erledigt und wir haben uns das Frühstück redlich verdient.

Als wir die Sachen niederlegen, bekommen wir Bescheid, dass wir zum Fluss gehen sollen, um Gemüse zu holen. Jemand kommt dort hin und übergibt uns die Lieferung. Gesagt – getan! Chloe, Mathias und ich brechen mit unseren Rucksäcken am Rücken auf und gehen den Strand entlang zum Fluss. Es ist der Fluss mit den Krokodilen. Wir gehen über die Kuppe und da sehe ich, dass nahezu das komplette Flussbett überschwemmt ist. Weil der Fluss ins Meer mündet und sich Salz- mit Süßwasser mischt, ist der Fluss auch den Gezeiten ausgesetzt. Was machen wir jetzt?

Während ich nachdenke, ist Mathias schon drinnen und beginnt durch das bis über die Knie hohe Wasser zu waten. Ich erzähle Chloe von der Kroko-Story, die ich in den Blog geschrieben habe und dass ich während dieser Aktion vielleicht nicht mehr schmettern muss. Als ich mit ihr rede schaut sie ebenso mit großen Augen auf Mathias. Naja, hilft nix. Besser Mathias vertrauen, schließlich ist er schon ein halbes Jahr hier und geht bis zu zwei Mal in der Woche (Hochsaison mit vielen Freiwilligen) durch den Fluss, um Nahrungsmittel zu holen. Also wir hinterher.

Drüben warten wir auf den Lieferanten, der eine halbe Stunde auf sich warten lässt. Als er da ist, öffnet er die Hintertüre zur Ladefläche seines kleinen Lieferautos. Zwei Kisten sind für uns reserviert und wir teilen den Inhalt auf unsere Rucksäcke auf. Zurück gehen wir genau so, wie wir gekommen sind.

Chloe, we survived. Two times!

Im Camp gibt es dann endlich Frühstück. Chloe braucht es am dringendsten, denn ich musste ihr vorhin schon meinen Japan-Waffelkeks zum Aufpeppen ihres Zuckerspiegels überlassen. Schade drum, aber ich bin froh, dass sie uns nicht zusammengekippt ist. Nachdem wir gegessen haben gehe ich zum kleinen Unterstand, der vor dem Camp liegt. Von hier aus kann man wie ein Rettungsschwimmer auf den ganzen Strandbereich sehen. Ich bin aber unter anderem auch hier, weil ich den besten Handyempfang habe. „Den besten“ muss man relativ sehen, da mir das Hochladen vom vorherigen Beitrag circa eine Stunde gekostet hat.

Lange kann ich nicht mit dem Handy herumspielen, da kommt Mathias mit der nächsten Mission. Roy ist zuvor nach Samara gegangen, um Besorgungen zu machen. Wir sollen ihm etwas abnehmen und außerdem die leere Gasflasche gleich zum Austauschen mitnehmen. Wir lassen Chloe hier und gehen nur zu zweit. Roy lässt auf sich warten, weil in Samara in jedem Geschäft so viel los ist. Inzwischen ist er jedoch gekommen. Ich schultere die Gasflasche und die anderen beiden, Mathias und Roy, kümmern sich um den Rest. Ich darf und kann glücklicherweise mitteilen, dass wir erneut überlebt haben. Wir mussten nämlich wieder durch den Fluss.

Im Camp gibt es zwei Hunde: “Safira”, das ältere Mädl und ihren Sohn “Dom”. Safira ist eine wiffe und nette Dame, auf sie muss man nicht so aufpassen. Dom hingegen ist ein groß gewachsener, aber liebenswürdiger Dummbatz. Der Lack‘l hat einen Riesenschädel und Pranken, fast so groß wie meine Hände. Wenn die Kühe kommen, die von Zeit zu Zeit hinter dem Camp weiden, muss er angekettet werden. Er läuft sonst zu den mehrfach größeren und stärkeren Tieren und versucht sie zu verscheuchen. Safira ist eher der stille Kumpel-Typ. Sie hat uns beim Gasflasche holen begleitet, mit uns den Fluss überquert und neben uns brav auf Roy gewartet.

Nach dem Mittagessen packt mich die Lust, etwas zu bauen. Ich habe in den letzten Tagen nachgedacht, dass eigentlich nur ein Sessel im Camp fehlt. Es gibt nichts, wo man sich ordentlich anlehnen kann – nur Bänke. Deswegen mache ich mich trotz Mittagshitze auf den Weg, das Treibholz am Strand auf passendes Material zu durchsuchen. Wie genau der Sessel ausschauen soll, weiß ich noch nicht. Ich gehe ein Stück und beschließe, erst einmal die Sitzfläche zu bauen. dazu suche ich kurze Holzstücke mit gleicher Länge, um sie aneinander reihen zu können. Ich bringe meinen Fund ins Camp und schwärme gleich wieder aus. Ich braucht etwas, um die Holzstücke zusammen zu binden. Am Müllplatz werde ich fündig und nehme die geeignete Schnur mit. Nach einem Fehlversuch weiß ich jetzt, wie es am besten zusammengebunden wird und setze es um. Ich bin ganz zufrieden mit der heutigen Leistung. Leider weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll, daher höre ich für heute auf. Vielleicht fällt mir morgen etwas ein.

Es gibt Aufgaben im Camp, die nur jeden Mittwoch erledigt werden. Dazu gehört es, den Gaskocher in der Küche zu putzen. Das ist meine Aufgabe heute. Es dauert ewig, den verwinkelten Kocher mit der Dreifach-Flamme abzuschrubben, auszuwischen und abzuspülen. Aber auch das geht vorbei. Nach dem Abendessen bin ich mit Abwaschen dran, doch so schnell wie ich mit dem Essen fertig bin, sind Roy und die Kinder nicht. Es ist bereits dunkel und ich gehe zum Aussichtspunkt, wo ich mich ein bisschen auf die Bank lege. Nach einer halben Stunde kann ich mit dem Abwasch beginnen, doch es ist bereits komplett dunkel. Ich sollte auch noch den Biomist auf die Wiese hinter dem Camp bringen, aber zu dieser Zeit würde ich mindestens 100 Einsiedlerkrebse pro Richtung zertreten. Deswegen lasse ich es bleiben und leg‘ mich schlafen.

Meine Nachtschicht beginnt um Mitternacht und dauert bis 03:00 Uhr. Wieder bin ich gut Ausgelastet und es tut sich einiges. Die Zeit vergeht recht flott und ich habe nebenbei ein wenig Luft, um endlich am Blogeintrag weiter zu schreiben. Roy löst mich um 03:00 Uhr ab. Ich bin froh, denn der heutige Tag hat mich ordentlich müde gemacht.

10 Gedanken zu „💪🏼 Ich, Hausmann und Hebamme“

  1. Beeindruckend deine Aktivitätenen im Camp, lieber Pauli!
    Ich wünsche dir, dass du noch ganz vielen Schildkrötenbabies auf den Weg ins Wasser (Leben) helfen kannst! Man darf gespannt sein, was dir zur zum Möbeldesign aus Treibholz einfällt. ? Viel Erfolg weiterhin! ?
    Liebe Grüße Hilda

  2. Das ist mal wirklich eine ganz andere – authentischere – Seite von Costa Rica! Hut ab vor deinem Einsatz, das ist wirklich beeindruckend! :O

    Wenn man deine Berichte liest würde man selbst gern mithelfen und ein Loch graben oder Schildkröten zählen/tragen! 😀 Besonders in der Nacht muss das ja eine ganz besondere Stimmung sein.

    Wie der Sessel aussieht, wenn er fertig ist würde mich auch interessieren! 😀

    1. Hilfe könnten wir gut brauchen! :)) Ja, in der Nacht ist man ja ganz alleine und du hast Recht, es ist wirklich eine besondere Stimmung. Den Sessel hab ich heute wieder zerlegt. Ich bin zwar drauf gesessen, aber ich werde ihn ein bisschen anders bauen. Ich hab gestern eine super Technik geglernt, als wir was anderes gebaut haben :))

  3. Da muss ich Werschi recht geben, da bekommt man voll den Guster, selbst mitanzupacken ?

    Wie es aussieht, haben dich die Babies voll im Griff ? schön! Und es gibt auch immer schönes Wetter ☀️ beneidenswert! ?

    Mach mal ein Ganzkörper-Foto vom Dom ?

  4. Hallöchen lieber Pauli,

    unbelievable story und vor allem “24 Std Geschichte” und Dienste mit den Schildkrötenbabies!

    Hut ab und sehr mutig mit der vermeintlichen Krokodilkonfrontation. Zum Glück bist du mutig genug Entscheidungen zu treffen und für den worst case hättest an Plan! Cool.

  5. Pauli, es ist so bewundernswert, was Ihr da leistet. So viele Schildkrötenbabys am Leben zu erhalten, ist eine phänomenale Aktion. Dazu noch das gefährliche Flussüberqueren und eigenständige Tischlerarbeiten – mir fehlen die richtigen Worte, Dir und Deinen beiden ,Mitarbeitern’ meine tiefste Anerkennung auszudrücken. Habt weiterhin viel Erfolg! Alles Liebe und liebe Grüße ???

    1. Danke Lisi! Die Flussüberquerungen sind halb so schlimm. Die Krokos sind ANGEBLICH ein Stückerl weiter oben im Fluss.<\br>Ich werds weiterleiten! ???‍♂️?

  6. Lieber Pauli
    Die Berichte von deiner Reise sind wirklich sehr interessant und lustig ? lese sie mit großer Begeisterung!
    Das Retten der Schildkrötenbabys finde ich besonders toll und ist auch für dich sicher eine Bereicherung.
    Ganz viel Spaß noch

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