🏍 Easy Riders

Der Tag beginnt, als der bereits muntere Kevin wieder ins Zimmer kommt. Er hat wie schon in Hanoi einen morgentlichen Spaziergang durch die Gassen gemacht.

Ich hatte heute schon meine erste Begegnung der dritten Art…

Mit diesem Satz begrĂŒĂŸt er mich SchlafmĂŒtze und erzĂ€hlt anschließend, dass ihm ein Typ auf der Straße angeredet hat. Er gab sich als TouristenfĂŒhrer aus. Angeblich macht er und sein Kumpel Touren in der Gegend, die er mit einer Art GĂ€stebuch belegen möchte. Kevin blĂ€tterte das Buch durch und meinte, er muss erst mit mir sprechen. Da sind wir nun, ich sitz verschlafen im Bett und google nach „vietnam hue typ strasse angequatscht touristenfĂŒhrer skeptisch” und Kevin erzĂ€hlt von den vielen verschiedenen Berichten, die in dem Buch standen.

Irgendwie stinkt die Sache, doch wir möchten‘s wissen. Ich geh‘ mich waschen und komm‘ mit Kevin nach unten, wo nun beide Vietnamesen mit ihren MotorrĂ€dern warten. Sie möchten uns bei einem „local coffee” ĂŒberzeugen. Das CafĂ© soll gleich um die Ecke sein. Schnell haben wir einen Helm auf dem Kopf und sitzen hinten auf den beiden Bikes. Komfortabel gepolstert biegen wir ein paar mal ab und fahren in eine Hintergasse, in die wir so wahrscheinlich nicht gegangen wĂ€ren. In dem Moment seh‘ ich uns schon ohne Geldbörse und Handy zurĂŒck zum Hostel plĂ€rren.

Doch nichts da! TatsÀchlich befindet sich hier hinten ein Café, direkt am Fluss. Die Jungs bestellen uns kalten, schwarzen Kaffee und holen das zuvor erwÀhnte Buch raus. Beim DurchblÀttern begreife ich, warum Kevin nicht sofort abgeblockt hat. Authentischer hÀtte es kein MeisterfÀlscher hingebracht. Teilweise stehen auch Rezensionen in der jeweiligen Landessprache der Teilnehmer; NiederlÀndisch, Deutsch, etc.. Als letzte Gegenprobe lassen wir uns noch seine Tripadvisor-Seite zeigen.

„Scheiss’ drauf!” – Schlussendlich sind wir ĂŒberzeugt und entscheiden uns fĂŒr eine Zwei-Tages-Tour in der Gegend, die in Hue startet und in Hoi An endet. Genau dort mĂŒssen wir nĂ€mlich demnĂ€chst hin. FĂŒr heute haben wir bei ihnen noch eine Tagestour in Hue dazugebucht. Wir machen noch Fotos von uns am Tisch, unterschreiben einen Vertrag und werden zurĂŒck zum Hostel gebracht.

Hier geben wir unsere SchmutzwĂ€sche beim Waschservice des Hostels ab und suchen uns gemĂŒtlich das FrĂŒhstĂŒck aus. Ich fasse zusammen: Der Tag ist fĂŒr mich gerade mal eine Stunde alt und wir lernen zwei Einheimische kennen, trinken Kaffee im letzte Eck des Viertels, lassen uns auf dem Motorrad durch den vietnamesischen Verkehr kutschieren, geben die WĂ€sche auf und jetzt wird erstmal gefrĂŒhstĂŒckt.
Bevor die Tagestour losgeht, beschließen wir, noch eine Runde um die HĂ€user zu ziehen. Nach mehrmaligem Abbiegen haben wir uns ungewollt schneckenförmig vom Ausgangspunkt entfernt. Google Maps fĂŒhrt uns zum Hostel zurĂŒck.

Die beiden Guides kommen so pĂŒnktlich, das sich das Bier nur im Fast-Forward Modus ausgeht. Helm auf, hinten aufhĂŒpfen, Motoren starten und rock‘n‘roll! Wir entfernen uns vom Stadtkern und biegen auf eine Feldstraße ab. Auf der Fahrt sind unsere Hinterteile gut gedĂ€mpft und gefedert. Als erstes halten wir an einer alten BrĂŒcke in einem Dorf außerhalb von Hue. Tam, so heißt der Chef, erklĂ€rt uns, dass die Thamh Toan BrĂŒcke bereits im 18. Jahrhundert erbaut wurde und zur Erhaltung auf FĂŒĂŸgĂ€ngerĂŒberquerungen beschrĂ€nkt wurde. Er zeigt uns auch noch einen Wasserstandmesser, der im Jahr 1999 knapp ĂŒber drei Meter eines der schlimmsten HochwĂ€sser dokumentiert. Außer den BrĂŒckenpfeilern, die immer noch original sind, kann nicht viel stehen geblieben sein. Er zeigt uns auch einen hiesigen Markt, wo es auch lebendes Getier und sonstige Lebensmittel gibt.

Die nĂ€chste Station muss man sich als winzigen Touristenmarkt vorstellen. Was hier aber interessant ist, ist dass wir beobachten können, wie RĂ€ucherstĂ€bchen und die typischen vietnamesischen KegelhĂŒte in Handarbeit produziert werden. Danach stoppen wir an einem verlassenen, amerikanischen Bunker. Der ist aber nicht so interessant, wie die Aussicht auf den „Parfume River” dahinter.

Wir halten hier nicht all zu lange und peilen das Grab des Tu Duc an. Der Kaiser selbst hat diesen Komplex geplant und erbauen lassen. Ein beeindruckendes Bauwerk, das uns mĂŒde macht. Es ist riesig. Die Guides haben sich inzwischen in einem Restaurant vis-a-vis des Eingangs gesetzt. Dort treffen wir uns wieder und brauchen erstmal einen Kaffee.

Die kommende Haltestelle ist die Thien Mu Pagode. Ein 22 Meter hohes Bauwerk, dem Buddhismus gewidmet. Uns tun schon die Beine weh, aber wir drehen trotzdem eine Runde in der Tempelanlage, die sich hinter der Pagode entlang streckt.

Einen Stopp haben wir noch vor uns; und zwar den grĂ¶ĂŸten fĂŒr heute. Wir werden dort abgesetzt, weil es nicht allzu weit weg von unserem Hostel ist. Bevor wir aber in die rieeeeeesige Zitadelle hinein gehen, werden wir von jungen MĂ€dls angehalten. Jede hĂ€lt ein paar zusammengetuckerte A4 Zettel in der Hand und sie sind sichtlich nervös. Eine beginnt zu sprechen, in seeeehr gebrochenem, fast schon zerbrochenem Englisch. Sie stellt sich vor und erklĂ€rt, dass die Gruppe jemanden sucht, um ihr Englisch zu trainieren. Wir begreifen, dass es sich um eine Schulgruppe junger Vietnamesen handelt, die gerade mit ihrer Lehrerin einen Feldtag absolviert. Die Jugendlichen bringen uns ein StĂŒck weiter, wo noch ein paar andere SchĂŒler, sowie die Lehrerin warten. Hier werden wir gebeten, am Randstein Platz zu nehmen, was wir auch tun. Gleichzeitig setzt sich der Rest vor uns im Halbkreis hin. Die Szene ist so dermaßen bizarr, das ich mir das Schmunzeln nicht zurĂŒckhalten kann. Es entwickelt sich zu einem Dauergrinsen. Die Lehrerin erklĂ€rt nochmal die Situation und bittet uns auch schon, den Jungs und MĂ€dls zu erklĂ€ren, wie wir heißen, wo wir herkommen usw. … Ich beginne, stelle mich vor und erzĂ€hle auch, dass ich hier gemeinsam mit Kevin auf Reise fĂŒr die nĂ€chsten zwei Wochen hier in Vietnam bin. NatĂŒrlich spreche ich so deutlich wie möglich und in einfachstem und schönsten Englisch, das mir in der Schule auf die Zunge gelegt wurde. Die Lehrerin versucht abzufragen, ob alles von den SchĂŒlern verstanden wurde und fragt auch, ob alle wissen, wo Österreich ist. Stille. Sie sagt, dass es das Land ist, wo Mozart herkommt. Plötzlich geht ein „Ahhhh!” durch die Runde. Nun ist Kevin an der Reihe. Er erzĂ€hlt seine Geschichte den lauschenden Kids.

Die Lehrerin bittet die Kinder, sich ebenso nach der Reihe vorzustellen. Sie machen die Sache gut! Wir sind auch schon ein wenig stolz auf unsere neuen Freunde und geben ihnen Mut, sich nur zu trauen! Nun holt die Lehrerin ein paar kleine PlastiksĂ€ckchen, die neben auf der Wiese liegen. Die Kinder scheinen etwas gekocht zu haben! In BananenblĂ€tter eingewickeltes Schweinefleisch und Shrimps in einer gel-artigen Melasse aus Reismehl. Wir mĂŒssen kosten. Die Meute ist neugierig, wie wir reagieren. Zuerst erklĂ€rt uns der Lehrergehilfe, dass wir die BananenblĂ€tterumschlĂ€ge offnen mĂŒssen, um danach die klebrige, transparente Masse gleich mit den ZĂ€hnen vom Blatt zu lösen. Ich nehm zuerst sicherheitshalber nur die HĂ€lfte in den Mund. Es schmeckt mir nicht. Aber da alle so lieb schauen, bringe ich es fertig, auch noch die zweite HĂ€lfte hinunterzuschlucken. Kevin scheint sich noch ein wenig tapferer anzustellen, denn er verzieht keine Miene. NatĂŒrlich kommt die Frage „Wie schmeckt‘s denn?”. Meines Zeichens Diplomat, gebe ich die Antwort „Anders als das Essen bei uns in Österreich!”. Sie sind mit der Antwort zufrieden.

Doch die ganze Geschichte ist noch nicht vorbei! Es stellt sich heraus, dass einer der SchĂŒler Geburtstag hat. Die Lehrerin verschwindet kurz und kommt mit einer Torte wieder (!!!)! SelbstverstĂ€ndlich hat sie auch die SprĂŒhkerzen nicht vergessen. Gemeinsam zĂŒnden wir die Kerzen an und singen mit Reismehl-Schlatze geölter Stimme Happy Birthday. Man darf bei der ganzen Situation bitte nicht vergessen, dass wir uns an einem absoluten Touristen-Hotspot befinden! Hinter und vor uns laufen haufenweise Leute vorbei, die uns anlĂ€cheln. Aus „bizarr” wurde „herzerwĂ€rmend spitze und lustig”. Zu guter letzte, muss jeder dem Geburtstagskind seine persönlichen WĂŒnsche fĂŒr die Zukunft kundtun. Kevin ist als erster dran und wĂŒnscht ihm ein Leben lang Gesundheit und alles GlĂŒck der Welt fĂŒr seine Zukunft und nachdem er sich in der Vorstellrunde als Real Madrid Fan outete, wĂŒnscht ihm Kevin noch, dass er der berĂŒhmteste Fußballspieler, noch berĂŒhmter als Christiano Ronaldo, werden soll. Ich wĂŒnsche im, dass er in der Zukunft eine wunderschöne Frau zur Ehefrau nehmen darf. Er bedankt sich herzlichst bei uns und wir verabschieden uns von der Gruppe. Doch ohne ein gemeinsames Foto können wir nicht auseinander gehen.

Mit dem strahlendsten LĂ€cheln und komplett geflashed von der letzten halben Stunde, betreten wir die Zitadelle. Dort haben wir schon wieder großes GlĂŒck, weil gerade eine traditionell vietnamesische Volksmusikgruppe live aufspielt.

Gehen möchten wir nicht mehr so viel, tun es aber trotzdem. Zur Zitadelle gibts eigentlich nicht so viel zu sagen, da wir mit den Gedanken sowieso noch bei dem Erlebnis mit den Schulkids sind. Wir gehen mĂŒden Schrittes zurĂŒck zum Hostel. Bier! Zwei! Das tut gut.

Nachdem wir geduscht wieder im Hostel Restaurant sitzen, scherzen wir mit den Kellnern und bestellen uns nebenbei FrĂŒhlingsrollen als Appetizer. Was der Abend sonst noch bringt, erzĂ€hl ich morgen.

Ok, ich mach‘s heut noch. Der Regen hĂ€lt uns im Lokal fest, weshalb wir auch die Hauptspeise hier essen. Im Laufe des Abends kommt immer wieder ein junger Bursch zu uns. Er spricht sau gut Englisch fĂŒr einen Vietnamesen. Irgendwann bleibt er bei uns hĂ€ngen. Kevin unterhĂ€lt ihn die erste halbe Stunde. Dann bin ich eine Zeit lang dran. Seine Mutter sitzt einen Tisch weiter oben. Es stellt sich raus, dass er der Sohn des EigentĂŒmers ist. Wir haben ordentlich Spaß mit dem Burschen, der nebenbei erwĂ€hnt auch noch blitzgescheit ist. Skurril ist, dass dir ein Elf-JĂ€hriger erzĂ€hlt „You know, the grass is always greener on the other side.” und eine halbe Stunde spĂ€ter wird ihm von seine Mutter die Jacke angezogen.

Heute war ein außergewöhnlich interessanter und anstrengender Tag. Wir hoffen, dass es weiterhin so unterhaltsam und spannend bleibt.

10 Gedanken zu „🏍 Easy Riders“

  1. „Die beiden Guides kommen so pĂŒnktlich, dass sich das Bier nur im FAST-FORWARD Modus ausgeht“ .. ich hau mich ab ??? man glaubt kaum, dass es noch besser geht, aber dein Schreibstil wird immer genialer ??

    … und am Schönsten ist es zu lesen, wenn ihr mit Einheimischen so viel Kontakt habt, das freut mich riesig – die Story mit den Schulkids ist der Hammer und das Erlebnis werdet ihr bestimmt niiiiie wieder vergessen ?

  2. Ich bin zutiefst gerĂŒhrt, es ist unbeschreiblich, was Ihr mit den Einheimischen erlebt. Und Dein Schreibstil macht mich sprachlos, Pauli. Einfach genial!!!
    ( unter anderem:….im schönsten Englisch, das mir in der Schule auf die Zunge gelegt wurde…) ??

  3. Hi, nach dem ich auch nach den letzten 3 Blogs wider aufs Neue „geflasht“ bin, bleibt nur dein letzter Satz als Wunsch von, ich nehme an, allen deinen Lesern: „Wir hoffen, dass es weiterhin fĂŒr euch so unterhaltsam und spannend bleibt!“
    Gespannt, mit feuchten Augen und mit großer Vorfreude warte ich auf euer nĂ€chstes Abenteuer
    glG Pape

  4. Hello guys!

    Awesome! Die schönste Freude ist immer da wo man sie am wenigstens erwartet.

    ICH LESE IMMER BEGEISTERT DEINE/EURE ERLEBNISSE!

    GLG

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