Beim Aufstehen tun wir uns beide nicht so leicht. Aber irgendwie muss man sich aufraffen, sonst verpasst man garantiert etwas! Also treffen wir uns beim Frühstück mit Maarit. Heute gibt es kein Buffet, sondern eine Karte, von der wir unser Essen bestellen können. Die Mädls entscheiden sich für ein Müsli und ich für einen dicken Pancake mit Schokosauce.

Als ich schon fertig bin, haben Maarit und Bernie immer noch nichts. Ich beschließe, inzwischen alles zusammen zu packen und gehe derweil rüber zur Tauchbasis. Dort packe ich Bernies und meine Sachen in die blauen IKEA-Taschen, die wir uns selbst aufs Boot tragen müssen. Das fertig zusammengebaute Gerät (exklusive Blei), sowie die Pressluftflaschen, tragen die Angestellten. Sehr angenehm!
Heute brauchen wir pro Nase drei Flaschen, denn wir haben einen Kompromiss ausgehandelt. Seit zwei Tagen raunzen wir schon, dass wir zum Schiffswrack möchten, doch man braucht mindestens fünf oder besser sechs Personen für den Ausflug, weil das versunkene Schiff eineinhalb Stunden nördlich liegt und es sich für die Basis sonst nicht rechnet. Wir waren aber bisher nur zu dritt und sind es heute leider auch. So bekommen wir den Vorschlag, dass wenn wir für heute drei Tauchgänge buchen, dürfen wir zum Wrack. Auf alle Fälle! Man braucht uns nicht zu überreden.
Also bringen wir unser Equipment auf das große Boot, das wir heute ganz allein für uns haben. Normal passen hier knapp 20 Taucher drauf, doch heute haben wir den absoluten Luxus. Die Crew bestehend aus drei Personen sowie unser Tauchguide Jayky sind den ganzen Tag ausschließlich für uns Scuba-Primadonnen da. Klar, eine Frage des Geldes, aber in Wirklichkeit mehr eine Frage des Glücks, überhaupt die Chance zu bekommen, diesen Luxus genießen zu dürfen.

Während der Fahrt schmeissen sich die Damen in die Sonne und brutzeln unmerklich im angenehmen Fahrtwind dahin. Ich bin gestern mit einer dezenten Röte davongekommen, so möchte ich heute lieber nix riskieren. Ich bleibe im Schatten und tratsche ein bisschen mit Jayky. Er arbeitet schon seit sechs Jahren hier und ist seit vier Jahren der Divemaster der Basis. Er bekommt ca. 350 philippinische Pesos pro Tag als Lohn bezahlt. Das sind knappe sechs Euro. Viel besser bezahlt als sein voriger Job als Fischer. Auch die Crew verdient besser, wenn auch nicht so viel wie Jayky, als Angestellte der schweizer Tauchbasis. Die Leitung der Basis hat eine Einheimische, die beiden inhabenden Schweizer sind nur gelegentlich hier, um nach dem Rechten zu sehen.

Am Tauchboot gibt es ein einfaches Klo, eine winzige Kochnische, in der sich die Crew mittags Reis kocht und einen Wasserspender, bei dem wir uns selbst bedienen können. Es wird auch löslicher Kaffee zur freien Entnahme angeboten. Zum sicheren Transport der Pressluftflaschen gibt es Stellplätze mit Gummizügen, um die Flaschen bei rauem Seegang auf dem Platz zu halten. Masten und Verstrebungen, sowie die beiden Ausleger, sind aus dicken Bambusstämmen gefertigt. Über dem Deck ist eine große Plane gespannt, die vor Sonne und Regen schützt. Denn nass werden will man beim Tauchausflug schließlich nicht. Spaß beiseite – Regen ist wirklich nicht so toll, wenn man z. B. sein Mittagessen genießen möchte oder wenn man sein Handy bedient oder einfach nur ein Taschentuch braucht.

Der Wettergott meint es heute gut mit uns. Das Meer ist fast glatt und so kommen wir flott voran. Die Insel „Gato Island“, zu der wir am ersten Tauchtag so lange hingefahren sind, haben wir schon längst hinter uns gelassen. Ich habe leider nicht auf die Uhr geschaut, aber von da wars sicher nochmal eine Dreiviertelstunde, bis wir unsere angepeilten Koordinaten erreichen. Hier liegt die „Doña Marilyn“. Ein knapp hundert Meter langes Passagierschiff, bei dessen Schiffsbruch im Jahr 1988 circa 700 von den 800 Menschen an Board ihr Leben ließen. Es ist immer wieder ein bisschen gruselig, zu einem Wrack zu tauchen, das so eine schreckliche Geschichte hinter sich hat. Doch Schiffswracks wandeln sich in kurzer Zeit zu künstlichen Riffen und bieten vielen Meeresbewohnern Lebensraum und Schutz. Wie einen Zoll holt sich das Meer manchmal Dinge aus unserer Welt zurück, für die vielen Schandtaten, die wir dem größten Lebensraum der Erde antun.
Verhältnismäßig steigen wir sehr günstig aus.
„3, 2, 1, jump!“, lautet die Anweisung der Crew. Wir sammeln uns im Wasser. Vorher wurde der Anker geworfen, um nicht samt dem Boot davon zu driften. Die Strömung ist ziemlich stark. das merken wir auch, als wir dem Ankerstrick entlang nach unten tauchen. Gut, dass wir uns daran festhalten können. Die Strömung ist Fluch und Segen. Fluch, weil die Sicht bescheiden ist. Mehr als vier, fünf Meter sind nicht drin. Segen deswegen, weil den Tieren viel Nahrung vorbei gespült wird. Vor allem große Fische und Meeressäuger halten sich bevorzugt auf den Routen der großen Meeresströmungen auf, wie z.B. dem Golfstrom, der sich durch den Atlantik zieht.
Bei 32 Metern ist Schluss. Hier liegt der Anker. Er wurde punktgenau neben dem Versteck eines Stachelrochens versenkt. Er hat bestimmt 1,2 m Durchmesser. Als es ihm durch unsere Anwesenheit zu ungemütlich wird, quetscht er sich noch tiefer unter das schräg am Grund liegende Eisenteil des Schiffes. Wir können nur noch einen kleinen Teil von ihm sehen. Jayky führt uns ins Innere des Wracks. Da das Schiff seitlich auf den Grund gesunken ist, tauchen wir 90 Grad zu Boden und Decke einen finsteren Gang entlang. Die Wände sind stark mit scharfkantigen Muscheln zugewachsen; wir müssen vorsichtig sein, dass wir uns nicht schneiden oder unsere Ausrüstung beschädigen. Am Boden, oder eigentlich an der Wand, liegt auch ein Stachelrochen. Er ist kleiner als sein Verwandter vorhin, doch auch schön anzusehen. Das Gute am Durchtauchen des Korridors ist, dass wir die Strömung hier so gut wie gar nicht merken. Als wir durch das Licht am Ende des Tunnels wieder nach draußen schlüpfen, drückt der Wasserstrom wieder entgegen unserer Schwimmrichtung.


Was ich an keinem anderen Wrack beobachten konnte, ist so ein starker Bewuchs wie hier. Richtige Büsche wachsen an den Außenwänden. Man stelle sich vor, man spaziert im Winter am Waldesrand und die Büsche und Sträucher neben einem sind mit dickem Reif belegt. So ungefähr schauen die vielen weißen Meerespflanzen aus, die hier wachsen. Dazwischen stehen ebenso große, herbstlich Braune. Das Metall ist kaum noch auszumachen. Lediglich die Form dieses künstlichen Riffes lässt einem das eigentliche Schiff erkennen.

Geschuldet der starken Strömung und der schlechten Sicht ist fotografieren zwecklos. Aber das ist OK. Man muss das Rundherum auch einmal ohne Bildschirm genießen.
Bei circa 60 Bar starten wir den Aufstieg bis fünf Meter. Während unseres dreiminütigen Sicherheitsstopps zaubert Jayky einen Ring, so wie er es mir gestern beigebracht hat, ins grünlich, matte Wasser. Ich kann leider nicht, da ich mich selbst und die Kamera festhalten muss. Es würde mich sonst davon spülen und zurück strampeln mag ich momentan überhaupt nicht.
An Board fühlen wir Befriedigung, weil wir beim Wrack waren und es wenigstens stellenweise untersuchen konnten. Der besondere Reisser, muss man zugeben, war‘s nicht. Aber dafür kann das Wrack nichts, eher die Sicht und die Strömung.
Wir haben uns heute morgen wieder Sandwiches machen lassen, da wir ganzen Tag unterwegs sind. Es ist bereits 12:15, als wir zu essen beginnen. Die Anfahrt und der Tauchgang haben die Zeit wie im Flug vergehen lassen. Während der Oberflächenpause stellt der Kapitän den Kurs auf „Gato Island“, wo wir am ersten Tag die Weißspitzen-Riffhaie gesehen haben. Hier werden wir unsere letzten beiden Tauchgänge in der Gegend machen.



Ich fasse die nächsten beiden Tauchgänge zusammen, da wir beide am selben Spot machen. Um eines vorweg zu nehmen: bei beiden Tauchgängen sehen wir den Weißspitzen-Riffhai wieder. Was wir sonst noch sehen sind Unmengen an Schnecken.


Speziell beim zweiten Tauchgang besichtigen wir eine Wand, auf der wimmelt es von Schnecken! Ich bin hin und her gerissen, wo ich mit der Kamera zuerst hin soll. Ein paar Fotos mache ich nur schnell im Vorbeitauchen, den Rest muss ich bleiben lassen – es sind einfach zu viele.




Ein Highlight heute ist der Froschfisch. Ausschauen tut er fürchterlich aber dafür ist er selten und wir dürfen ihn live am Meeresgrund sehen. Er hat sich neben einen Stein gesetzt und ohne fachkundiger Hilfe hätten wir den Burschen nie gesehen. Unglaublich, welch geschulten Blick ein Tauchguide nach so vielen Tauchgängen im selben Revier entwickelt hat.


So hätten wir ohne ihn bestimmt auch die „Spanische Tänzerin“ übersehen! Eine elegante Schnecke, die rund um ihren Körper einen Fächer ausbreiten kann, mit dem sie sich im Wasser einigermaßen herum manövrieren kann.

Was bei einer philippinischen Unterwasserexkursion mit Onkel Jayky nicht fehlen darf, ist eine ordentliche Portion Seepferd. Zwei von den Großen findet er, eines davon ist weiß! Und dann ist da noch das Zwerg-Seepferdchen, dessen Wohnort wir jetzt kennen, aber sobald der Finger vom Guide weg ist, suchen wir uns auf vier Quadratzentimeter deppert.



Einen großen Fangschreckenkrebs zeigt er uns auch, aber da hab ich meinen Blitz nicht im Griff, deswegen müsst ihr ihn in der Zwischenzeit bitte googeln. Vielleicht haben wir in den Revieren vor Negros in der kommenden Woche noch die Chance, so einen zu fotografieren.
Bei den beiden letzten Tauchgängen war ich so dermaßen motiviert, dass ich schon fast zu früh vom Boot gehüpft wäre. Man muss mich zurückhalten. Wenn du bei jedem Tauchgang so viele interessante Sachen siehst, bist du automatisch schon geil auf den nächsten.

Geil war die Tauchwoche auf jeden Fall! Wir haben zu unserem bereits im Voraus gebuchten sechs Tauchgängen noch fünf extra dazu gebucht. Wenn wir zurück sind werden wir sehen, wie weit wir dafür unsere Geldbörse aufmachen müssen. Durch all die Motivation haben wir komplett vergessen zu fragen, was einer überhaupt kostet. Die beiden Schweizer Thomas und Armin meinten, es sind um die 30 Euro. Ich bin gespannt.

In kitschiger Abendstimmung schiffen wir im Hafen ein und werden mit dem kleinen Boot zurück zum Strand gebracht. Wir waren den ganzen Tag unterwegs und haben die Ruhe am Boot sehr genossen. Auch das gemeinsame Durchblättern der deutschen Zeitschrift „TAUCHEN“ mit Jayky und der Crew war super! Darin ist der Kameramann und Unterwasserfilmemacher Florian Fischer abgebildet, der den überaus professionellen und kinoreifen Werbefilm für die Dive Society gemacht hat. Ich hab‘ mir den kurzen Film am letzten Tag in Kambodscha angesehen und wollte danach so schnell wie möglich da hin. Selten so etwas tolles gesehen!
Hier das Video:
Wir waschen alles zum letzten Mal hier auf dieser Basis und gehen ins Büro, um unsere Verbindlichkeiten zu begleichen. Wir bezahlen für
- fünf extra Tauchgänge
- Spritkosten fürs Boot inkl. den heutigen Ganztagsausflug
- Marineschutzgebiet-Gebühr
- eine Gebühr für den Tauchspot „Monad Shoal“
unterm Strich knappe € 180,-. Das ist sehr fair für die Leistung, die hier geboten wird. Wir sind zufrieden und geben der Basis viereinhalb von fünf Sternen in der Gesamtbewertung. Den halben Stern Abzug für das lästige Übersetzen vom kleinen auf das große Boot, die Sanitäranlagen am Boot waren, sagen wir mal, nicht optimal und es gab keine Kekse an Board. Nur zum Vergleich: auf Zypern konnten wir uns sogar Sandwiches am Boot machen und uns bei den Keksen ebenso nach Belieben bedienen. Aber der Gesamteindruck ist mehr als positiv! Deswegen lassen wir ordentlich Trinkgeld da.

Jetzt gehen wir noch essen und verbringen den restlichen Abend gemeinsam mit Jayky und Maarit bei einem gemütlichen Bier. Morgen werden wir nach Negros gebracht. Die Überfahrt dauert acht Stunden. Ich hoffe, wir können ein wenig im Auto oder am Boot schlafen. Als wir uns von Jayky verabschieden, schenkt er mir tatsächlich seine Yamaha Kappe! Er sagt, seine Frau hat sie leider nicht mehr gewaschen, aber ich soll sie trotzdem nehmen. So nehme ich das Geschenk an und bin überwältigt von der Großzügigkeit. Es vergeht eine weitere Woche, in der ich großartige Menschen kennen gernt habe.


Hallo ihr zwei!!!
Zuerst einmal finde ich es genial Pauli, wie du hier eure Reise in Worte und Bilder packst!
Leider ist in mir ja kein Abenteurer verlorengegangen. Das hat mir bis zum jetzigen Zeitpunkt nix ausgemacht, aber nun, muss ich sagen, bin ich schon neidisch auf eure tollen Erlebnisse. ☺️
Ich wünsche euch noch eine mega schöne Zeit!!! Passt auf euch auf!!!
Lg Manu?
hi manu! danke für deine lieben worte! es is wirklich schön hier und die leut‘ sind auch freundlich. klar gibts ausnahmen, aber die gibts eh überall 😉 speziell die unterwasserwelt ist ein traum. es sind auch viele leute mit ganz jungen kids unterwegs; wir sind noch eine woche da. wenn du schnell entschlossen bist, geht sich‘s noch aus! ?
? die Sophie wär jedenfalls sofort dabei. Hab ihr grad die Unterwasserfotos gezeigt. Sie war voll begeistert und meinte, sie will da a mal hin und die Seepferdchen anschauen. Aber nur mit ihrem rosa Badeanzug !?
Lg ?
Super Sache!! Seepferdchen reiten und dann rüber in den Fuchs- und Weißspitzen-Riffhai-Streichelzoo ????
War von deiner Reisereportage und den Bilder voll begeistert wünsche Dir und Deiner Berni noch viele solche Urlaube LG. Manfred
Vielen Dank Manfred!!!