đŸ‡ŻđŸ‡” Japans kalte Schulter

Nach vier Stunden Flug hĂŒpf ich mit den Rolling Stones – Gimme Shelter aus dem Flieger. Ein wenig shelter brĂ€uchte ich jetzt tatsĂ€chlich, oder wenigstens eine dickere Jacke. Japan zeigt mir die kalte Schulter, was mir nach den vorherigen warmen Wochen gar nicht so gut gefĂ€llt. AllmĂ€hlich verliere ich immer mehr Flugzeughitze und noch bevor ich zu Fuß den Ankunftsbereich erreiche frage ich mich, warum um Gottes Willen ich mir den Dezember fĂŒr die Reise hier her ausgesucht habe.

Die Immigration geht relativ flott – schĂ€tze in einer Dreiviertelstunde war ich durch. Außer Foto und FingerabdrĂŒcke gibt es hier nicht viel Tamtam. Der Weg zum Zoll bzw. zum Ausgang ist klar am Boden gekennzeichnet, sodass man sich nur schwer verlaufen kann. Die Japaner halten Ordnung. Sogar der Zollbeamte, der meine Gebetsfahnen inspiziert und meinen Rucksack ausgerĂ€umt hat bemĂŒht sich, alles wieder so, wie er es rausgenommen hat, zurĂŒck in den Rucksack zu stopfen. Sowas gibt‘s glaube ich nirgendwo sonst.

Ich habe mit einer ReizĂŒberflutung von Zug- und Busticketangeboten zu kĂ€mpfen. Aus dem Grund gehe ich nicht zu den Automaten, sondern zu einem Schalter. Die Dame verweist mich zu einem anderen Terminal, wo ich das gewĂŒnschte Ticket kaufen kann. Nachher frage ich noch sicherheitshalber bei der Infostelle, doch die erzĂ€hlt mir das gleiche. Also gehe ich den Streifen am Boden entlang zu Terminal zwei. Die Bodenmarkierungen erinnern mich an Laufbahnen, die in unterschiedlichen Farben und klaren Begrenzungen auf den Boden gemalt sind. Sogar „Abfahrten“ mit gestrichelten Linien hat man eingebaut, dass man auf einer Parkbank in Mitten des Transferweges Rast finden kann (kein Scheiss!!).

Ich finde den Schalter auf Anhieb und die Tante dahinter verkauft mir, was ich brauch‘. Sie schickt mich in die erste Tiefebene, wo die Bahnsteige sind. Einmal muss ich noch fragen, aber dann bin ich am richtigen Gleis. Die Zugfahrt ist sehr ruhig aber lang. Google hat mir verraten, wie lange sie ungefĂ€hr dauern wird und so stelle ich mir den Wecker, stöpsel mir die Musik rein und klinke mich aus.

Als ich munter werde sind die Menschen um mich andere. Das praktischste an der Zugfahrt ist, dass trotz des irren Liniennetzes kein einziger Umstieg notwendig ist und ich daher gleich in der NĂ€he des Hotels aussteigen kann. Zu Fuß ist es ein Katzensprung von der Station zum Hotel. Auch das finde ich auf Anhieb. Leider ist das Zimmer noch nicht fertig und so nehme ich mir die nĂ€here Umgebung vor.

Zuvor muss ich aber noch auf die Toilette. Nach vier Stunden Flug, eineinhalb Stunden Einreise, Terminalwechsel und Ticketkauf, weiteren eineinhalb Stunden Zugfahrt und den letzten zwei brenzlichen Minuten an der Rezeption sind alle Grenzen am Limit. Gut, dass es in der Lobby ein WC gibt, wo ich sofort mit Blaulicht hineinstĂŒrme. Da wĂ€re dann ganz kurz vor der ersehnten Erleichterung das UnglĂŒck geschehen! Als ich in die Koje gehe, schreck‘ ich mich, weil plötzlich der Klodeckel automatisch aufgeht! Ja fix, gibt‘s denn sowas?! Momentan hab ich keine Zeit, um zu ĂŒberlegen, wie der Zauberscherm das gemacht hat, ich muss dringend Platz nehmen. Da ist auch schon die nĂ€chste, Ă€ußerst angenehme Überraschung: die Brille ist nĂ€mlich leicht ĂŒber Körpertemperatur beheizt – das ist genau das Richtige fĂŒr meinen Schockfrost! Woher hat es nun gewusst, was gut fĂŒr mich ist? Doch ehe ich ĂŒber dieses Wunder nachdenken kann, spĂŒlt es kurz, nachdem ich mich erhoben habe, automatisch runter. Teufelslokus aber auch! Ein WundergerĂ€t, mit Geld nicht aufzuwiegen! Es hĂ€tte auch noch Tasten fĂŒr weitere SpezialvorgĂ€nge angebracht, aber die Dame an der Rezeption wartet auf mich wegen der Anmeldung. Positiv verstört gehe ich zu ihr zurĂŒck.

Sie zeichnet mir auf einem Plan drei KaffeehĂ€user ein. Ich gehe einmal zum NĂ€chstgelegenen hinter dem HĂ€userblock. Das schaut klein und gemĂŒtlich aus, da geh ich rein! Wie selbstverstĂ€ndlich erwische ich das Kaffeehaus, indem mich niemand versteht (Englisch), indem ich niemanden verstehe (Japanisch) und indem es kein WLAN gibt. Die Karte, die mir gezeigt wird, ist leider auch nur in Hiragana und Katakana geschrieben. So versuche ich mein GlĂŒck mit „Black coffee?“. Naja, „coffee“ hat er verstanden und den bereitet er gerade hinter der Bar zu. PhĂ€nomenal! Wie in einem Labor. Er kocht kleine Wassermengen in runden, glĂ€sernen BehĂ€ltern und holt dann von hinten die Bohnen vom Regal, die in verschiedenen Glasdosen wie GewĂŒrze oder traditionell-chinesische Medikamente gekennzeichnet sind. Das fertige GebrĂ€u wird aus einem der komplett unterschiedlich in traditioneller Optik ausgefĂŒhrten Kaffeetassen serviert. Nach dem ersten Nipper steht fest: schmeckt hervorragend! Beim Hinausgehen weiß ich jetzt gar nicht mehr, was ich dafĂŒr bezahlt habe, aber ich habe noch etwas zurĂŒck bekommen.

Ich schau‘ jetzt nochmal zurĂŒck zum Hotel und check auf Tripadvisor die Gegend nach gut bewerteten Lokalen, weil gegessen habe ich auch schon lĂ€nger nichts. Ich scroll‘ mich durch die VorschlĂ€ge und bleibe bei einem Ramen-Nudel Lokal hĂ€ngen – vierenhalb von fĂŒnf Sternen. Es ist ganz in der NĂ€he.

Ich brauche nur einmal kurz das Navi, bis dorthin war es aber wirklich einfach. Das „THANK“ ist ein winziges Lokal! Der Kellner sieht mich und merkt sofort, ich brauche Special Assistance. Er kann auch kaum Englisch, also zeige ich auf ein Bild der ĂŒberschaubaren, laminierten, einseitigen A4 Karte, die er mir vor die Nase hĂ€lt. Meine Bestellung und Bezahlung wickle ich gleich im Vorhinein bei einem Automaten neben dem Eingang ab. Der Raum ist drei Meter breit und – wenn ĂŒberhaupt – acht Meter lang. Ich sitze wie an einem Fensterbrett und schaue gegen die Wand. Die einzige Aussicht ist der Notfallschalter fĂŒr den Feueralarm. Neben mir schlĂŒrfen sie die Nudeln aus den großen SchĂŒsseln, aber das gehört sich hier so. Dann bringt auch er mir die SchĂŒsseln mit Ramen und eine zweite mit einer Sauce bzw. Suppe. Er deutet mir, dass ich die Nudeln dort eintunken muss. Als ich das dann so mache schmeckt’s auch wirklich sehr gut! Ich kann sagen, dass die Nudeln selbst die besten waren, die ich jemals gegessen habe! Nicht durchgekocht, nicht hart – schön mit Biss. Al dente eben. Vor der TĂŒre hat sich mittlerweile eine Schlange gebildet. So mache ich mich aus dem Staub, dass die anderen auch noch die tollen Nudeln genießen können.

Am Weg zurĂŒck ins Hotel bleib‘ ich bei einer Bar hĂ€ngen. Schaut nett aus und scheint, als hĂ€tten die WLAN fĂŒr die GĂ€ste. So gehe ich hinein und setze mich an die Bar. Ich bekomme zwar die Karte, doch ich frage nach einem lokalen Bier. Der Kellner hat sofort einen Vorschlag und bekommt von mir auch sofort die Bestellung. Als er serviert, staune ich nicht schlecht! Das Bier wird in einem blechernen Kelch serviert. So etwas hab ich noch nie gesehen. Schmecken tut’s aber gut, nur ein bisschen blechern im Abgang.

Dann gehe ich wieder ins Hotel, weil ich fragen möchte, ob unser Zimmer schon fertig ist. Die Belegschaft hat gewechselt und so meint nun der gute Herr, dass das Zimmer fertig sei und ich gerne einchecken kann. DOCH, wenn ich jetzt zwischen zwei und drei Uhr einchecke, muss ich eine GebĂŒhr von 1.000 Yen (circa sieben Euro) bezahlen. Ich frage, was das fĂŒr eine komische GebĂŒhr sein soll – mein Zimmer ist fertig und ich bin da! Wo ist das Problem?! „Tut mir leid, zwischen zwei und drei mĂŒssen Sie 1.000 Yen bezahlen. Kostenloser Check-In ist dann ab drei.“ Ich frage ihn noch einmal, was das fĂŒr einen Sinn hat, doch er kann es mir nicht verraten. Es ist halt so. Doch ich bezahle nicht, weil ich so einen Blödsinn nicht unterstĂŒtze. Ich sage ihm, dass ich die Stunde noch warte und sicher keinen Groschen fĂŒr einen Check-In bezahle.

Im Aufenthaltsraum neben der Lobby stelle ich mir provokant drei Sessel zusammen und lege mich hin. Nach einer Weile fĂ€llt mir ein, dass ich in der Zwischenzeit meine Reisekrankenversicherug bei AquaMed verlĂ€ngern könnte. Also gehe ich zum GĂ€ste-Computer des Hotels und drucke mir das Formular aus. Am Weg zum Computer habe ich noch das Schild mit der IdiotengebĂŒhr fotografiert. Dabei wurde ich beobachtet. ZurĂŒck im Aufenthaltsraum setze ich mich hin und fĂŒlle die ersten drei Felder aus, da kommt auch schon der GebĂŒhrenmann. Er meint, ich kann jetzt doch schon einchecken, es sei OK. Dann komme ich drauf, der glaubt sicher, dass ich mir ein Beschwerdeformular ausgedruckt habe! Optimal! So darf ich endlich auf unser Zimmer.

Da kommt die ErnĂŒchterung: kein Platz fĂŒr die zwei versprochenen Personen. Also hergerichtet haben sie schon alles fĂŒr zwei, aber selbst zwei der kleinsten Asiaten hĂ€tten hier Probleme. Ich also wieder runter zu meinen Freunden an der Rezeption. Leider gibt es kein passendes Zimmer fĂŒr uns, so buche ich schließlich ein zweites, so wie das bestehende.

Bevor Sörs ins Hotel kommt, habe ich noch Zeit, um mir im großen Einkaufszentrum eine MĂŒtze zu suchen. Mit der U-Bahn sind es nur drei Stationen bis dahin. Die Shopping Mall ist riesig und unĂŒbersichtlich. Es gibt auch kaum etwas, wo ein Normaler wirklich was kaufen könnte. Eher teure GeschĂ€fte mit extra Großstadtpreisen. War leider ein Reinfall. Draußen vor dem Center wurde eine weihnachtliche Lichtshow aufgebaut, die den vielen Besuchern dargeboten wird. Ich mache nur vom Park davor ein paar Fotos und verschwinde dann wieder mit der U-Bahn zum Hotel.

Sörs meldet sich, dass er bald ankommt. Nach einiger Zeit aber keine Spur von ihm. Deswegen entscheide ich mich, ihm entgegen zu gehen und ihn gegebenenfalls von der Station abzuholen. Doch ich finde ihn nirgends. So gehe ich zurĂŒck und nehme mir vor, in der Lobby zu warten. Als ich durch die SchiebetĂŒr gehe, steht er schon da! Trotz langer Anreise und Strapazen ist er top motiviert und nach einer Dusche wollen wir auch schon in die Blechhumpenbar, in der ich am Nachmittag schon vorstellig war.

Sörs gefĂ€llt die Bar! Es gibt schließlich Whisky und zwar „den besten, den ich jemals getrunken habe!“, sagt er. Er ist wirklich ausgezeichnet! FĂŒr mich gibt es momentan nur Bier und ein herrliches Mini-Steak zu essen. Genau das richtige fĂŒr den Moment. Wir verkosten noch ein paar japanische Destillate, bevor wir aus der sympathischen Bar verschwinden. Sörs hat das Essen dort ausgelassen und möchte stattdessen noch wo anders einkehren. Wir schauen uns um ein paar Lokale um und setzten uns bei einem zusagenden an einen Tisch. Mir ist es genug von vorher. Sörs bestellt gemischtes Hendlfleisch mit Salat. Es ist eine ordentliche Portion, bei der ich ihm dann doch mit einem StĂŒck HĂŒhnerbrust unter die Arme greife.

Ich habe Sörs jetzt schon lĂ€nger nicht gesehen und davor auch nur sporadisch. Umso mehr freut es mich, dass wir die nĂ€chsten sieben Tage gemeinsam in Toyko und Kyoto auf die Pauke hauen. Den heutigen Abend mĂŒssen wir nun beenden, denn morgen haben wir einen Privatguide, der uns einen tollen Überblick ĂŒber den Kern Tokyos geben wird. Die Stadt ist riesig – gut, dass er sich viel Zeit genommen hat.

7 Gedanken zu „đŸ‡ŻđŸ‡” Japans kalte Schulter“

  1. Also deine Ankunft erinnert ein wenig an den „Passierschein A38“ aus Asterix und Obelix!??
    Ich wĂŒnsch euch eine tolle Zeit in Japan,esst bitte Sushi fĂŒr mich mit!â˜ș

  2. He Pauli, tolles Land nicht wahr!! Und mach bitte nicht den gleichen Fehler wie ich – losstĂŒrmen wenn die U-Bahn einfĂ€hrt, kommt nicht so gut an, sowie Klingelton oder sogar telefonieren – absolutes no go!! Ach ja, U-Bahn fahren ohne sich festzuhalten – ich glaub das kann nur ein Japaner. Vergiss nicht Kobe-Fleisch zu essen!!! Falls du mal nicht weiter weißt – Philipp fragen. Viel Spaß

    1. Hallo Martina! Wir sind zwar noch nicht lange hier, aber es gefĂ€llt uns scho jetzt sehr gut! Vielen Dabk fĂŒr deine wichtigen Tipps! Wie werden sie befolgen.
      Liebe GrĂŒĂŸe!! ??‍♂

  3. Hallo Pauli und Sörs, klingt nach jede Menge Spass denn ihr haben werdet. ….und nach “anbechern”. Manche Kulturen glauben sie können von vorneherein mit ExtragebĂŒhren die Touristen fĂŒr dumm verkaufen. NICHT NACHZUGEBEN, IST EIN GUTER PLAN.

    Viel Spaß! :-))))

    1. Hi Axel!

      Der Guide war spitze! Den Bericht poste ich demnĂ€chst. Dein Buch werden wir auf alle FĂ€lle fĂŒr die nĂ€chsten Tage brauchen!

      LG
      Pauli

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